Nr.1-2005

Great Limpopo Transfrontier Park

© issa

Das Entwicklungspotenzial eines grenzüberschreitenden Nationalparks

Im Dreiländereck von Mosambik, Simbabwe und Südafrika werden der Krüger-, der Limpopo- und der Gonarezhou-Nationalpark zum „Great Limpopo Transfrontier Park“ unter der Leitung der „Peace Parks Foundation“ vereint. Durch den Anschluss von weiteren Tierreservaten und dünn besiedelten Landstrichen bis an Mosambiks Küste soll nicht nur „Afrikas größtes Königreich für Tiere und Pflanzen“ entstehen, sondern auch ein Beitrag für Frieden und Entwicklung geleistet werden.

Sascha Maier

Vom Great Limpopo Transfrontier Park erfuhr ich erstmals 2003 auf der Homepage des UN Global Compact durch das Deutsche Bank-Projekt „Peace Parks: Diversity in Nature, Diversity in Culture“. Als (Millenniumsentwicklungs-)Ziele des Vorhabens werden die „Halbierung der extremen Armut und des Hungers“ und die „Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit“ genannt.

Meine erste Wahrnehmung ist deshalb bemerkenswert, weil mit dem 35.000 qkm großen Vorhaben ein grenzüberschreitender Nationalpark in der Größe der Niederlande entsteht. Doch obwohl das Projekt „elefantöse“ Ausmaße hat und aus der Kolonialzeit stammende Grenzen überwinden möchte, bleibt die Berichterstattung hierzulande stark begrenzt. Dabei hat die Implementierung des Park-Projekts einen direkten Bezug zu Deutschland: Neben der Deutschen Bank, Safri und DaimlerChrysler unterstützt besonders die KfW-Entwicklungsbank mit einer Finanziellen Zusammenarbeit von insgesamt 12 Mio. Euro die Schaffung des Peace Parks.

Es ist jedoch nicht ausschließlich die Größe oder der Deutschlandbezug des Naturschutzgebietes, das eine breitere Aufmerksamkeit verursachen sollte, sondern es ist die vielfältige Entwicklungsperspektive, die der Friedenspark bieten kann. Nationalparktourismus gilt im Südlichen Afrika als ein Wirtschaftszweig mit hohem Wachstumspotenzial und als sichere Devisenquelle. Fremdenverkehrsexperten gehen davon aus, dass in Südafrika etwa acht Touristen einen Arbeitsplatz schaffen. Der im Parkprojekt mit eingegliederte Krüger-Nationalpark wies 1982 0,4 Mio., 1997 0,95 Mio. und 2002 rund 1,1 Mio. Besucher auf. Doch mittlerweile stößt das Flaggschiff der südafrikanischen Nationalparks an das Limit seiner touristischen Aufnahmefähigkeit. Der aufgewirbelte Staub der durchfahrenden Autos schädigt bereits die Flora des Parks.

Chance für Mensch und Tier
Das ist die Chance für den angrenzenden, in der strukturschwachen mosambikanischen Gaza-Provinz gelegenen Limpopo-Nationalpark. 250.000 Übernachtungen pro Jahr von Gästen des Krüger-Nationalparks finden in der Grenzregion statt. Der Optimismus, dass bei einer Verschmelzung beider Parks mittelfristig 150.000 bis 200.000 Besucher den Weg nach Mosambik finden, ist deshalb berechtigt und wird durch das Vorhandensein des Massingir-Stausees, der einzigen großen Bademöglichkeit weit und breit, untermauert. In dem Gebiet, das sich während der Bürgerkriegszeit durch Guerillaaktivitäten auszeichnete, dürften vorsichtig kalkuliert 1.000 direkte und 10.000 indirekte Jobs entstehen.

Bevor der mosambikanische Teil des Great Limpopo Transfrontier Park attraktives Tourismusziel wird, muss er entsprechend vorbereitet werden. Dafür ist die Project Implementation Unit der in Südafrika ansässigen Peace Parks Foundation zuständig. Die Landminen wurden bereits geräumt. Jetzt fehlt es neben attraktiven Großsäugern, den 'Big Five', so gut wie an allen Tieren. Nur wenige Krokodile im Shingwedzi-Fluss haben den Krieg zwischen Renamo und Frelimo überlebt.

Das ist wiederum die Chance für die Tiere im südafrikanischen Teil, welche seit den 1970ern durch einen Elektrozaun vor Übergriffen aus Mosambik geschützt wurden. Im Krüger-Nationalpark ist beispielsweise die Elefantenpopulation mit rund 11.000 Tieren prächtig gediehen - doch sie ist deutlich zu hoch. Die Jumbos beginnen, den Park, welcher nur knapp 7.000 Exemplare auf längere Zeit verkraften kann, zu zerstören. Früher wurde die Überpopulation durch culling, also systematisches Töten, dezimiert. Aufgrund internationaler Proteste stellte Südafrika seit den 1990ern diese Methode ein. Deshalb sollen insgesamt 1.000 Elefanten nach Mosambik transportiert werden. Die Umsiedelung der ersten 25 Dickhäuter am 4. Oktober 2001, dem 85. Geburtstag von Peace Park-Mäzen Anton Rupert, wurde mit Nelson Mandelas symbolischer Eröffnung des Great Limpopo Transfrontier Park medienwirksam in Szene gesetzt.

Symbolisch war die Eröffnung deshalb, weil Mosambik erst einen Monat später dem Gebiet des heutigen Limpopo-Nationalparks den Status eines Nationalparks zuerkannte. Ein weiteres Jahr verging, bis die drei Staatschefs Joaquim Chissano, Thabo Mbeki und Robert Mugabe am 9. Dezember 2002 mit der Proklamation des Great Limpopo Transfrontier Park in Xai-Xai dem Park eine völkerrechtliche Grundlage gaben. Dabei entstand auch das Joint Management Board, das mit jeweils vier Vertretern der drei Vertragsstaaten besetzt ist. Das Park-koordinierende Land wechselt alle zwei Jahre.

Auch die 25 umgesiedelten Elefanten beließen es fürs erste bei der Symbolik: Sie kehrten durch ein Loch im Zaun des extra für sie und die anderen Wildtiere geschaffenen 350 qkm großen Eingewöhnungsgebietes (Sanktuarium) an den Ort ihrer Gefangennahme in den Krüger-Nationalpark zurück. Aus der Erfahrung hat man gelernt. Mittlerweile werden nur noch ganze Herden umgesiedelt. Heute leben insgesamt 2.483 ehemals südafrikanische Wildtiere, davon 111 Elefanten, im mosambikanischen Teil des Transfrontier Park.

Die Menschen im Park
Ebenso befinden sich im Limpopo-Nationalpark in kleineren Siedlungen entlang des Shingwedzi ca. 5.000 Menschen. Der Großteil von ihnen floh während des Bürgerkrieges nach Südafrika und kehrte in den 1990ern in die angestammte Heimat zurück. Dort leben sie heute oft mehr schlecht als recht von Subsistenzwirtschaft. In dem trockenen Gebiet kann nur im Schwemmland des Flusses Getreide angebaut werden. Teile der Bevölkerung sind auf die Versorgung durch internationale Hilfsorganisationen angewiesen. Deshalb und weil für manche Fürsprecher des Nationalparks Hühner, Esel und Dorfbewohner das touristische Bild von Afrikas Königreich der Tiere trüben könnten, gibt es Überlegungen, die lokale Bevölkerung umzusiedeln. Im Prinzip wäre das möglich, da der Staat Mosambik Grundeigentümer im Park ist. Doch eine Zwangsumsiedlung machen die KfW und die ebenfalls beteiligte Weltbank nicht mit. Beide würden in solch einem Fall ihr Engagement beenden. Der Homo sapiens muss sich wie in den 1960ern wieder mit dem Loxodonta africana und den anderen Wildtieren arrangieren und mit dem Gedanken anfreunden, in einem elektro-umzäunten Dorf zu leben.

Nicht ganz vergleichbare Erfahrungen machten 1969 rund 3.000 Makuleke, die ihre ursprüngliche Heimat im heutigen Norden des Krüger-Parks verlassen mussten. Aufgrund des damaligen Bürgerkrieges in Simbabwe sperrte die südafrikanische Armee das Gebiet um Pafuri einfach ab. 1996 gewannen die Makuleke ihr Land von Südafrikas neuer Regierung zurück. Sie arrangierten sich mit den South African National Parks (SANP) in der Hinsicht, dass sie ihr Ursprungsland selbst verwalten und vermarkten, jedoch nicht bewohnen werden. Im November 2002 eröffnete die Makuleke-Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit einer Privatfirma ihre erste Fünf-Sterne-Lodge. Einige Makuleke besuchen Tourismus- bzw. Wildlife-Colleges, um in naher Zukunft selbstständig ihren Teil des Krüger-Parks zu bewirtschaften.

Mittlerweile gibt es erste Erfahrungsaustausche zwischen den Menschen im Shingwedzi-Tal und den Makuleke. Auch das Refugee Research Programme der University des Witwatersrand hat sich des Falls angenommen. Dennoch sind die Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung, mit den Nationalparkbefürworten auf Augenhöhe zu verhandeln, oft nicht gegeben.

Die meisten Projektverantwortlichen sind sich jedoch bewusst, dass der Erfolg des Nationalparks auch von der Akzeptanz vor Ort abhängt. Entsprechend wurde ein NGO Board geschaffen, das mit der Project Implementation Unit zusammenarbeitet. Auch wurden die ersten von über 100 Rangern aus der Gaza-Provinz im Wildlife-College im Krüger-Nationalpark ausgebildet. Dabei handelt es sich jedoch um Jobs im low-skills-Bereich. Die attraktiven high-skills-Jobs werden mit besser ausgebildeten Fachkräften aus Südafrika besetzt bzw. besetzt werden. Die Akzeptanz und damit einhergehend der Frieden im und um den Park wird nur bestehen, wenn die Chancengleichheit einigermaßen gewährleistet ist, die Einkommensverhältnisse der Mitarbeiter nicht zu krass auseinander klaffen und der Austausch sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene untereinander möglich ist.

Peace Park als Ort des Austausches
Zweischneidig ist in dieser Hinsicht die Errichtung der neuen Grenzstation Giriyondo, 45 km nordöstlich von Letaba. Einerseits verbindet die neu geschaffene Straße den mosambikanischen und den südafrikanischen Teil des Parks. Doch andererseits ist gerade in einem Peace Park einer der Kerngedanken die visumsfreie Zusammenkunft von Menschen im Park. Ein Peace Park soll ein Ort des Austausches und der freien Bewegung sein. Exemplarisch ist hier der Kgalagadi Transfrontier Park zwischen Botswana und Südafrika zu nennen. Die zwei Grenzhäuser um Giriyondo, bei deren Errichtung die Nachbarstaaten auch noch gegeneinander wetteifern, welcher das prächtigere baut, steht dem Peace Parks-Konzept der freien Bewegung und der Verständigung der Völker diametral entgegen.

Dem Konzept entgegen steht ebenfalls die alte Barriere zwischen dem simbabwischen und den beiden anderen Teilen des Parks. Ein gut 35 km langer Korridor durch das Sengwe-Kommunalland soll die selbstverwaltete Makuleke-Region im Norden des Krüger-Parks mit dem Gonarezhou-Nationalpark verbinden. Die politische Großwetterlage für dieses Vorhaben ist zur Zeit günstig, da Simbabwe das koordinierende Land im Joint Management Board geworden ist.

Ein Beitrag für Frieden und Entwicklung?
Das Beispiel des Great Limpopo Transfrontier Park zeigt die vielfältigen Entwicklungsdimensionen eines grenzüberschreitenden Nationalparks auf. Das Park-Projekt hat es geschafft, die Repräsentanten der beteiligten Staaten immer wieder an einen Tisch zu bringen – auch wenn sonst die grenzüberschreitende Zusammenarbeit nicht immer harmoniert (Stichwort Wirtschaftsflüchtlinge). Ob der Park die benachbarten Kommunen und Sprachgruppen in einen Dialog versetzen kann und somit zur Völkerverständigung beiträgt, bleibt abzuwarten. Bemerkenswert ist, dass die Privatwirtschaft in diesem Projekt ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt, auch wenn allein drei der unterstützenden Konzerne mit dem Initiator der Peace Parks Foundation Anton Rupert direkt oder indirekt verbunden sind. Einen direkten Beitrag zur „Halbierung der extremen Armut und des Hungers“ könnte die Deutsche Bank leisten, wenn sie mit ihren weltweit bekannten Mikrokrediten die unmittelbar vom Park betroffene Bevölkerung unterstützt, eigene Unternehmen zu etablieren.

Schaffen Mosambik, Simbabwe und Südafrika mit der nötigen Besonnen- und Entschlossenheit, das Park-Projekt zu implementieren, ist die Ausdehnung zur Great Limpopo Transfrontier Conservation Area durchaus möglich. Die touristische Attraktivität, während einer Reise am Strand des Indischen Ozeans zu relaxen, gleichzeitig die Big Five anzutreffen und dabei drei afrikanische Staaten zu bereisen, ist sehr hoch. Darüber hinaus würden wieder die alten Wanderrouten der großen Tierherden entstehen. Wenn die Verwirklichung der Great Limpopo Transfrontier Conservation Area mit der Zusammenarbeit der ansässigen Bevölkerung gelingt, wäre mit der „Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit“ auch das zweite Millenniumsentwicklungsziel erreicht.


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