Nr.1-2006

Xhosa-König hochverehrt

© issa

Das moderne Südafrika hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinen traditionellen Führern. Während der König der Xhosa nach seinem Tode mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurde, bleibt die politische Macht der Chiefs, deren traditionelle Strukturen sich die Apartheid noch zunutze gemacht hatte, heute eingeschränkt.

Edelgard Nkobi-Goldberg

In den ersten Januartagen wurde in Südafrika der Xhosa-König Xolilizwe Sigcau mit großen Ehren zu Grabe getragen. Die Regierung gewährte ihm eine offizielle Trauerfeier auf einem Militärstützpunkt in der Nähe der Hauptstadt Tshwane. Monate zuvor schon war er schwerkrank in ein Militärkrankenhaus ebenfalls in der Nähe von Tshwane gebracht worden, wo er nun im Alter von 79 Jahren verstarb. Präsident Thabo Mbeki hatte ihn schon dort besucht und wohnte neben vielen Regierungsmitgliedern auch der Trauerfeier bei.

Die Respektbezeugung Mbekis sowie das von der Regierung ausgerichtete Begräbnis nicht nur als großer Krieger, sondern auch als großer Monarch der Xhosas, ist sicher auch Kampagne für die Kommunalwahlen am 1. März. Die Unterstützung der traditionellen Chief wird dringend gebraucht, denn immer noch leben etwa 14 Millionen Südafrikaner auf dem Lande, ohne dass sie die versprochene Verbesserung der Lebensbedingungen je erreicht hätte. Aber Xolilizwe Sigcau war auch ein unerschrockener Kämpfer gegen die Apartheid, lehnte die Bantustanpolitik ab und unterstützte schon in diesen Zeiten den ANC. Er verweigerte im Jahre 1980 seine vorgesehene Ernennung zum ersten Präsidenten des Homelands Transkei. Als Paramount Chief (der Oberste unter den Häuptlingen) kam er vor 40 Jahren an die Macht und es bleibt bis heute sein größtes Verdienst, dass er die zerstrittene Xhosa-Clans einte und auch zusammenhielt.

Auch wenn die Regierung und der ANC es nicht gerne hören, die Xhosas sind so etwas wie die Hausmacht des ANC. Angefangen mit Nelson Mandela sind bis heute viele ANC-Mitglieder von Rang und Namen und natürlich auch neuem Reichtum Xhosas aus dem Ostkap. Aus dem Xhosa-Königshaus stammen auch Prinzessin Stella Sigcau, seit der Mandela-Regierung Ministerin mit verschiedenen Ressorts in der ANC-Regierung, und der heutige Vorsitzende der südafrikanische Vereinigung aller Chiefs, dem Congress of Traditional Leaders, Patekile Holomisa, ein ANC-Parlamentarier.

Traditionell spielen Stammesautoritäten in sechs Provinzen des Landes eine anerkannte Rolle. Sie haben Häuser, was so viel wie Parlamente bedeutet, wo sie Probleme ihrer Regionen unabhängig von der Regierung besprechen, und über diesen Vereinigungen steht ein zentrales Gremium, wo dann die delegierten Chiefs des ganzen Landes debattieren.

Es gibt in Südafrika noch etwa 2400 Chiefs, einschließlich der 12 Könige oder auch Paramount Chiefs, wie sie in der modernen Geschichtsschreibung genannt werden. Nur in drei Provinzen spielen die Stammesautoritäten – entwicklungs- und geschichtsbedingt – keine Rolle. In Gauteng, dem Wirtschaftsschwerpunkt des Landes mit der Hauptstadt Tshwane und der Geschäftsmetropole Johannesburg, hat die Vielvölkerschaft der schwarzen Bevölkerung das alte Herrschaftssystem überholt. Unbekannt blieb das Häuptlingssystem in der Westkap- und der Nordkap-Provinz, der Heimat der afrikanischen Khoisan-Urbevölkerung. Das Nordkap ist heute wegen der großen Trockengebiete immer noch die am schwächsten besiedelte Region des Landes, während das weiße Siedlerregime um Kapstadt im Westen die ausgerottete Urbevölkerung als Arbeitskräfte durch Sklaven aus den holländischen Kolonien in Südostasien und aus Westafrika ersetzte. Das veranlasste das Apartheidregime dazu, im Westkap die Zuwanderung von Xhosas aus dem Ostkap möglichst zu verhindern und weiterhin Coloureds zu bevorzugen. Heute noch leben 70 Prozent aller Coloureds Südafrikas – etwa drei Millionen Menschen – in und um Kapstadt.

Wechselhafte Rolle der Chiefs
Die weißen Siedler hatten von Anfang an ein zwiespältiges Verhältnis zu den Stammeshäuptlingen und Königen der schwarzen Völker. Sie spielten die einzelnen Clans gegeneinander aus und waren dabei auch recht erfolgreich. Wer die weißen Autoritäten nicht anerkennen wollte, wurde bekämpft, getötet oder in entlegene Gebiete verbannt. Ehe Robben Island durch die Haft Mandelas berühmt wurde, wurden dort schon im 18. und 19. Jahrhundert sowohl von den Buren als auch von den Briten „aufmüpfige Eingeborene“ verbracht, sowohl Khoisan als auch Xhosa-Stammesführer.

Sowohl die Buren als auch die Engländer nutzten die traditionelle Stammesordnung, um die Schwarzenreservate, in die die heimische Bevölkerung immer mehr gedrängt wurde, nach ihrem Willen zu regieren. Sie ließen die Häuptlinge vor allem Steuern eintreiben und Arbeitskräfte für Industrie und Landwirtschaft suchen und ein rigoroses Verbot von Feuerwaffenbesitz, Munition und Pferden für Schwarze durchsetzen. Es kam ihnen genehm, dass die Häuptlinge auch Gerichtsbarkeit ausübten, sich um Heirat, Geburt und Sterben kümmerten und das Volk über kulturelle Rieten und traditionelle Untertanenpflichten unter Kontrolle hielten.

Ohnedies wurden Tradition und Kultur durch die christlichen Missionen, die sich nach und nach unter den Afrikanern ausbreiteten und über Jahrzehnte die einzigen Institutionen blieben, die Schulbildung anboten, in Grenzen gehalten. Wenn auch mehr und mehr Stammeshäuptlinge mit der neuen weißen Regierung kollaborierten, Gehälter bezogen und willige Vollstrecker der staatlichen Eingeborenenverwaltung wurden, versuchten aber auch einige, die Anwendung immer neuer einschränkender Gesetze zu mildern oder stellten sich dem sogar entgegen, wie eine Reihe mutiger Chiefs, die die Bauernaufstände verschiedener Xhosa-Clans in der Transkei in den Jahren 1957 bis 1960 anführten, von denen die große Pondorebellion auch über die Grenzen Südafrikas hinaus bekannt wurde.

Viele Chiefs sind nach der Niederschlagung dieser Aufstände in weit entlegene Gegenden verbannt oder in Robben Island eingekerkert worden. Govan Mbeki, der verstorbene Vater es heutigen Präsidenten, Kampf- und Leidensgefährte von Nelson Mandela, beschreibt in seinem erstmals 1964 von Penguin Books veröffentlichtem Essay The Peasant’s Revolt diese Ereignisse. Der ANC machte allerdings keinen Gebrauch von dem revolutionären Potenzial auf dem Lande und blieb auf die Townshipbevölkerung und das moderne Stadtproletariat konzentriert.

Das Apartheidregime nutzte die traditionellen Strukturen dagegen weiter und intensiver. Traditionelle Führer werden nicht gewählt, sondern erben ihre Position durch Geburt, wobei ein Sohn seinen Vater oder Onkel ablöst. Und Untertanen haben nicht zu denken, sondern zu gehorchen. Mit dem Bantu-Autoritätengesetz (Bantu Authorities Act) von 1951 schrieb das Apartheidregime die Aufgaben der ihm genehmen traditionellen Häuptlingshäuser hinsichtlich der Verwaltung und der Einhaltung von Gesetzen fest.

Entscheidend für die Herrschaft der Häuptlinge über ihre Untertanen war schon immer die Verteilung des kommunalen Landes an die Reservatsbewohner, denn darüber konnten sie die Lebensqualität der einzelnen Familien bestimmen. Als bezahlte Beamte des Staates gaben sie auch Sozialfürsorge und Renten aus, genehmigten Lizenzen für kleine Geschäfte und Unternehmungen und waren für staatliche Schulen für Schwarze und entsprechende Stipendienvergabe verantwortlich.

Als die Schwarzenreservate mit Beginn der siebziger Jahren in so genannte Homelands oder Bantustans umgewandelt wurden, erhielten die Stammesstrukturen nun Staatsfunktionen und Königshäuser und Häuptlinge stellten einen Großteil dieser neuen Regierungen und Verwaltungen. Ohne die Mitwirkung der Häuptlinge wäre die Homelandpolitik nicht möglich gewesen. Beispiele, wie traditionelle Führer Verfechter und Vollstrecker der Apartheid über die Bantustans wurden, sind Mangosutho Buthelezi in Zululand und Kaiser Matanzima in der Transkei.

Chiefs im demokratischen Südafrika:
Begrenzte Macht, lokaler Einfluss

Deshalb gab es auch eine weitgehende Ablehnung der traditionellen Strukturen durch den ANC für eine neue demokratische Regierung. Aber Nelson Mandela und Oliver Tambo, beide liiert mit der traditionellen Macht durch Geburt, sahen entgegen der neuen Generation aus den Townships in den Stammesführern ein Potenzial, das sich für den Aufbau des neuen demokratischen Staatswesens nutzen ließ. Die Hochachtung, die Nelson Mandela Zulu-König Zwelithini Goodwill kaBhekuzulu öffentlich bezeugte, wurde vielfach kritisiert, hat aber wesentlich zur Befriedung von KwaZulu/Natal und letztendlich auch zur Regierungsübernahme des ANC beigetragen. Ein ähnlich gutes Verhältnis pflegte Oliver Tambo zum Sigcau-Königshaus, zu dessen Untertanen seine Familie gehörte.

Das kleine Königreich der Bafokeng um Rustenburg im Nordwesten Südafrikas wurde nach der demokratischen Wende zu einem Beispiel für gutes Regieren und Geschäftssinn zum Wohle aller Stammesangehörigen. Auf ihrem Stammesgebiet lagert Chrom und Platin, das von den großen südafrikanischen Bergbaugesellschaften etwa seit 1960 ausgebeutet wird.

Im Jahre 1999 gewann der inzwischen verstorbene König Kgosi Lebone Mollwane Molotlegi II einen über zehn Jahre geführten juristischen Kampf um Entschädigung für den Abbau der Bodenschätze. Die Impala Platinum Holdings (Implants) zahlte 827 Millionen Rand Abbaulizenzen und Gebühren. Die für die Verwaltung der Bergbauinteressen gegründete Royal Bafokeng Resources Holdings (RBR) verwaltet die dem Königshaus gegebenen Platinaktien und eine durchgesetzte Aktienbeteiligung an der SA Chrome and Alloys von 43,9 Prozent.

Aus Königen und Prinzen wurden darüber aber nicht nur Geschäftsleute, sondern auch verantwortliche Herrscher über ihren kleinen Stamm von etwa 300.000 Untertanen. Schulen, Kliniken und Straßen wurden gebaut und ein junger sportlicher König spendierte seinem Volk einen ausgedehnten Sportkomplex mit Schwimmbad, Fußball-, Tennis-, Basketball- und Athletik-Sportsfeldern. Er ist Mitglied einer neugegründeten Gesellschaft für die Bergbaurechte der einheimischen Bürger (Mineral Rights Association of Indigenous People of South Africa).

Die neue südafrikanische Verfassung schützt die traditionellen Regierungsformen innerhalb des breiten demokratischen Systems. Die Privilegien der Machtausübung sind den Häuptlingen aber faktisch genommen, denn auch die Dorfgemeinschaften werden durch demokratisch gewählte Räte und das Verwaltungssystem der neuen Regierung regiert. Das will aber nicht besagen, dass traditionelle Führer über die demokratischen Parteien nicht auch in die neuen Regierungsstrukturen gewählt werden, wenn sie Mitglieder solcher Parteien sind. So gehören viele Häuptlinge dem ANC an und verdienen ihr Geld in ganz normalen Berufen, wie Ärzte oder Rechtsanwälte oder Manager in der Stadt, oder sie sind Geschäftsleute, gefördert durch Black Empowerment.

Die Mehrzahl der traditionellen Führer bleib aber dem traditionellen Machtsystem verhaftet und lebt vielfach im Konflikt mit den staatlichen Verwaltungen, die sie auch teilweise blockieren und sabotieren, wenn für sie bei einzelnen Verbesserungen nichts herausspringt. Darüber wird die Korruption und die Aufsplitterung der Dorfgemeinschaften in Reiche und Arme gefördert.

Die traditionellen Institutionen werden von der Regierung aber auch als Körperschaften zur Pflege der nationalen Kulturen und Traditionen, der Sitten und Wertsysteme der verschiedenen südafrikanischen Völker geachtet. Sie repräsentieren die Geschichte, die Wurzeln Südafrikas und diese Aufgabe werden sie auch nicht verlieren. Auch wenn ihnen über das neue Landgesetz das Recht zur eigenmächtigen Verteilung von Grund und Boden in ihren Stammesgebieten genommen wurde, so üben sie es faktisch immer noch aus, denn auch, wenn nun die ganze Gemeinde über kommunales Land das Sagen hat, so bestimmt doch meistens der Häuptling und die Häuptlingsfamilie ist auch immer noch die reichste im Kraal.

Das neue Gesetz über Bergbaurechte legt fest, dass alle Rechte an Bodenschätzen - auch auf Stammesgebiet - dem Staat gehören. Traditionelle Gemeinschaften haben allerdings ein Mitspracherecht, das sie unter der Regierungskontrolle ausüben dürfen. Bestehende Verträge und Abmachungen sind allerdings davon nicht betroffen. So wird es zwar keinen Vertrag zwischen Königen oder Häuptlingen und Bergbaugesellschaften mehr geben, aber die Bafokeng bleiben Geschäftsleute.

Südafrika Verfassung erkennt generell die Rolle der traditionellen Führer an, definiert aber keine spezifischen Aufgaben. Inzwischen sind auch ein detaillierteres Gesetz (Traditional Leadership and Governance Framework Bill) und so etwas wie Ausführungsbestimmungen zu diesem Gesetz, das Weißbuch über traditionelle Führerschaft und Regierung (White Paper on traditional leadership and governance), von der Regierung in Kraft gesetzt worden. Obwohl dort die Chiefs und Könige als traditionelle südafrikanische Autoritäten und ihr fester Platz in der südafrikanischen Gesellschaft anerkannt sind, werden doch darin auch die Grenzen ihrer Macht abgesteckt. Sie können den gewählten Volksvertretungen auf dem Lande Ratschläge erteilen, aber nicht regieren. Herausgehoben wird ihre Aufgabe insbesondere in ethischen und kulturellen Fragen. Wichtig für die heimische Aristokratie ist darüber auch die Zusicherung von Gehältern, Pensionen, kostenloser Krankenfürsorge und die Bereitstellung und Unterhaltung von PKW für ihre Häuser. Diese wichtigen Attribute, die schon der Apartheidstaat ihnen für treue Dienste zusicherte, wollten sie unter der neuen Regierung nicht verlieren. Das Geld bringt der Steuerzahler auf.

Die Autorin ist freie Journalistin in Kapstadt


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