![]() |
Nr.2-2005 |
Am 30. April finden in Lesotho Kommunalwahlen statt. Auf der Grundlage des „Local Government Act“ von 1997 ist es nun möglich, effektive, demokratisch legitimierte Gemeindevertretungen aufzubauen. Erstmals werden diese Wahlen von der Unabhängigen Wahlkommission durchgeführt. Mit Limakatso Mokhotu gehört dem Leitungsgremium seit kurzem eine Frau an, die mit ihrem Engagement für Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit neue Akzente setzt. Brigitte Reinhardt |
Im Juni 2003 erhält Limakatso Mokhotu einen Anruf aus dem Büro des Premierministers mit der Aufforderung, umgehend dort zu erscheinen – Premier Pakalitha Mosisili wolle sie sprechen. Erstaunt macht sie sich auf den Weg – sie hat keine Ahnung, worum es gehen könnte. Nicht weniger groß ist ihre Überraschung, als sie erfährt, dass sie von den in Lesotho registrierten politischen Parteien für das Leitungsgremium der Independent Electoral Commission (IEC) nominiert wurde. Bedenkzeit gibt es nicht – sie muss sofort entscheiden, ob sie die Nominierung annimmt oder nicht. Sie akzeptiert und wenige Tage später überreicht ihr König Letsie III die Ernennungsurkunde. Damit ist sie die erste Frau in der dreiköpfigen Leitung der IEC. Die IEC – Zielscheibe oppositioneller Angriffe Dies war ein Schlag gegen eine Institution, die erst 1997 durch eine Verfassungsänderung ins Leben gerufen wurde, genau um derartigen Anschuldigungen den Nährboden zu entziehen. In einem nationalen Dialog nach der schweren politischen Krise 1994 war die Erkenntnis gewachsen, dass die unterlegenen Parteien ein Wahlergebnis niemals akzeptieren würden, solange die Wahlen von der Regierung durchgeführt werden. Aus diesem Grund erhielt die IEC ein Statut, mit dem ihre Unabhängigkeit gewährleistet werden soll. Wenn in Lesotho eine Partei bei Wahlen nicht das erhoffte Ergebnis erzielt, dann wird der Grund für das schlechte Abschneiden nicht in den eigenen Reihen gesucht, sondern bei denjenigen, die für die Wahldurchführung verantwortlich sind. Auf der Suche nach den Ursachen der eigenen Niederlage sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Mal wird behauptet, die IEC habe die Stimmzettel zugunsten der Regierungspartei präpariert, mal heißt es, während des Faxens von Wahlergebnissen an die Wahlleitung seien Zahlen gefälscht worden, ein andermal hält man es für wahrscheinlich, dass durch Manipulation die Kreuze auf den Stimmzetteln von einer Partei zur anderen, nämlich der Siegerpartei, gewandert seien. Bei ihrer Stimmungsmache gegen die IEC - und damit auch gegen die Regierung - machen sich die Oppositionsparteien die Unwissenheit großer Teile ihrer Anhängerschaft zunutze. Limakatso Mokhotu - Aktivistin der Zivilgesellschaft Während ihre Altersgenossinnen eine nach der anderen heiraten, macht sie ihren Schulabschluss und bekommt eine Anstellung im Außenministerium. Doch schon nach drei Jahren verlässt sie das Ministerium, verärgert darüber, dass ihr Antrag auf Fortbildungsurlaub abgelehnt wird mit der Begründung, Frauen hätten keinen Anspruch darauf. Sie studiert Soziologie, arbeitet für verschiedene Nichtregierungsorganisationen und kehrt nie wieder in den Staatsdienst zurück. Heute ist sie froh darüber, auch wenn sie damit auf Arbeitsplatzsicherheit, Rentenansprüche und andere Privilegien verzichtet hat. Die Welt der NROs, so sagt sie, habe ihr ganz andere Perspektiven eröffnet, als dies in der „Zwangsjacke“ des Öffentlichen Dienstes möglich gewesen wäre. Während ihrer Tätigkeit für den Christenrat Lesothos in den siebziger Jahren betreut sie Flüchtlinge aus Südafrika und wird mit den Auswirkungen der menschenfeindlichen Apartheidpolitik konfrontiert. In der Zeit bei der Lesotho Planned Parenthood Association wird ihr bewusst, was es für Frauen bedeutet, den rechtlichen Status von Minderjährigen zu haben und noch nicht einmal über den Gebrauch von Verhütungsmitteln allein entscheiden zu können. Als Leiterin einer Rechtshilfeorganisation entwickelt sie Kampagnen zur Aufklärung der Basotho über Menschenrechte und leistet 1993 vor den ersten demokratischen Wahlen nach über 20 Jahren mit ihrer Organisation einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung und Schulung von Wählerinnen und Wählern. Über die Jahre hat sie sich in der NRO-Szene Lesothos einen Namen gemacht und wird 1995 zur ehrenamtlichen Präsidentin des NRO-Dachverbandes gewählt. Zur Zeit ihrer Nominierung für die IEC ist sie Beraterin der irischen Organisation Irish Aid, zuständig für „Gender“ und „Good Governance“. Mit ihren vielfältigen Erfahrungen in „öffentlichen Angelegenheiten“ und ihrer „moralischen Integrität“ erfüllt sie die verfassungsmäßigen Voraussetzungen für ihre Position in der IEC. Frauenquote sorgt für Kontroversen Die Rolle von Frauen in der Gesellschaft und ihre Teilhabe an politischen Entscheidungen ist auch ein zentrales Thema bei den bevorstehenden Kommunalwahlen. Basierend auf einem Beschluss der SADC, den Anteil von Frauen in der Politik zu erhöhen, ist erstmals in der Geschichte Lesothos eine Quotenregelung für Frauen gesetzlich vorgeschrieben. Gemäß Artikel 26 des Local Government Act ist jeder dritte Wahlbezirk für Frauen reserviert. Dies bedeutet, dass in diesen Wahlbezirken nur Frauen kandidieren können. Nach dem Gesetz gilt diese Bestimmung für insgesamt 15 Jahre, d.h. für drei Wahlperioden. Wie nicht anders zu erwarten, stößt diese Regelung nicht auf ungeteilte Zustimmung. Im Radio, in der Presse und bei Versammlungen melden sich Männer zu Wort, die ihr Unverständnis artikulieren und sich lautstark gegen diese „Diskriminierung“ wehren. Auch die politischen Parteien sind geteilter Meinung. Während die Basotho Congress Party (BCP) darauf hinweist, sie engagiere sich schon seit 1960 für die Rechte der Frauen und habe bereits geeignete Kandidatinnen für die reservierten Sitze identifiziert, erklärt Thabiso Melato vom Lesotho People’s Congress (LPC), man werde sich nur gezwungenermaßen an die Bestimmung halten. Von den betreffenden Frauen erwarte man, dass sie nicht schüchtern sind, sich mit dem Gesetz auskennen und Führungsqualitäten besitzen, schließlich müssten sie ja andere Frauen vertreten. Limakatso Mokhotu lässt sich durch Kritik und Widerstand nicht beirren. Unermüdlich wirbt sie auf Versammlungen der IEC um Verständnis für die Quotenregelung. Sie verweist darauf, dass Frauen schon seit langem Kreditgenossenschaften und Beerdigungsvereine erfolgreich leiten, und beschwört Beispiele aus der Geschichte Lesothos um zu belegen, dass Frauen bereits in früheren Zeiten hohe Ämter anvertraut wurden. Damit möchte sie den Frauen Mut machen und den Männern das Argument nehmen, eine aktive Rolle von Frauen in der Politik sei nicht mit der Tradition vereinbar. In ihrer Lobbyarbeit für die Frauenquote geht Limakatso Mokhotu mit der IEC neue Wege. Um besonders die Wählerinnen und Wähler in den Städten anzusprechen, wurde mit zwei Handy-Betreibern vereinbart, kurz vor dem 30. April über ihre Netze einen Aufruf zur Wahl von Frauen zu verbreiten. Auch die Kunden der Versorgungsbetriebe für Strom und Wasser werden auf ihren Rechnungen derartige Botschaften vorfinden. Dezentralisierung und Demokratisierung der Kommunalverwaltung Versuche, dezentrale politische Strukturen in Lesotho aufzubauen, sind nicht neu – bereits in den sechziger Jahren gab es Ansätze dazu. Doch die auf Distrikt- und Dorfebene geschaffenen Gremien waren nicht in der Lage, die ihnen übertragene Verantwortung für die Planung und Implementierung kommunaler Entwicklungsvorhaben wahrzunehmen. Es fehlten die technisch-administrativen Voraussetzungen. Darüber hinaus verfügten Sie über keine eigenen Finanzen und hingen somit völlig von der Zentralregierung ab. Letztendlich blieb ihnen nur eine beratende Rolle gegenüber der Regierung. Während der autoritären Einparteienherrschaft der Basotho National Party (BNP) wurden die Schlüsselpositionen in den Distriktgremien mit Parteifunktionären besetzt, denen es vorrangig um die Interessen der BNP und nicht um kommunale Entwicklungsvorhaben ging. Unter der Militärregierung dominierten die chiefs die Gremien. Wenn es nach der Verabschiedung des Gesetzes 1997 noch acht Jahre dauerte, bis nun tatsächlich die ersten Wahlen stattfinden, dann hat dies mit der politischen Instabilität zu tun, die bis zu den Parlamentswahlen 2002 anhielt. Inzwischen wird die politische Situation als ruhig eingeschätzt. Durch die Veränderung des Wahlmodus ist nun auch die Opposition im Parlament vertreten. Armee und Polizei sind reformiert und es ist zu hoffen, dass sie nicht mehr so leicht zum Spielball skrupelloser Politiker werden. Wahlen – und was dann? Limakatso Mokhotu sieht das alles noch recht gelassen. Sie setzt, wie die IEC insgesamt, auf Transparenz und Partizipation. Fast täglich spricht sie im Radio oder informiert auf Versammlungen und in Zeitungsinterviews über die Wahlen. Selbst im Parlament mussten sie und ihre Kollegen Rede und Antwort stehen. Einmal im Monat trifft sich das Leitungsgremium der IEC mit Vertretern der Parteien, um alle anstehenden Fragen zu besprechen und gemeinsame Entscheidungen treffen. So wurde zum Beispiel die Auswahl der für Frauen reservierten Wahlbezirke bei einem derartigen Treffen vorgenommen und nicht von der Ministerin für Local Government. Wenn einzelne Oppositionspolitiker in der Öffentlichkeit dann anderes behaupten, führt Limakatso Mokhotu dies auf mangelnde Kommunikation innerhalb der Parteien zurück. Trotzdem weiß sie, dass es noch einige Hürden zu nehmen gibt. Am 29. März ist Stichtag für die Nominierung von Kandidatinnen und Kandidaten. Erst dann können die Stimmzettel gedruckt werden. Werden die Namen korrekt sein? Werden sie rechtzeitig und in den richtigen Wahllokalen ankommen? Die logistischen Herausforderungen in einem Land mit abgelegenen Bergregionen, die zum Teil nur zu Pferd erreicht werden können, sind nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt, dass sich die IEC weitgehend auf Neuland bewegt – die Vorarbeiten durch die letzten Parlamentswahlen sind nur bedingt nutzbar. Mit der einen oder anderen Panne ist da sicher zu rechnen, aber was werden die Oppositionsparteien daraus machen? Und wie wird es nach den Wahlen sein? Werden sich die chiefs mit der Einschränkung ihrer Befugnisse abfinden? Wie werden die Parlamentsabgeordneten reagieren, die sich nun mit den Gemeinderäten abstimmen müssen? Ganz besonders beschäftigt Limakatso Mokhotu jedoch die Frage,
ob es gelingen wird, die Mitglieder der Gemeindevertretungen so zu schulen,
dass sie tatsächlich in der Lage sein werden, ihren Aufgaben und
den Erwartungen der Wählerinnen und Wähler gerecht zu werden.
Auch wenn die IEC dafür nicht mehr die Verantwortung trägt,
steht für Limakatso Mokhotu als Aktivistin der Zivilgesellschaft
das letztendliche Ziel der Wahlen im Vordergrund: durch Aktivierung der
Menschen und Demokratisierung von Entscheidungen einen Beitrag zur Verbesserung
der Lebensumstände der Bevölkerungsmehrheit zu leisten. Die Autorin ist Mitarbeiterin des Deutschen Entwicklungsdienstes
DED. |
Die Fachzeitschrift afrika süd,
gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika, erscheint
alle zwei Monate im Umfang von 40 Seiten.
Bezugsbedingungen Ein Abonnement umfasst mindestens ein Jahr (6 Ausgaben). Nach Ablauf eines Jahres kann es jederzeit mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt werden. Herausgeber |
| Übersicht |