Nr.2-2005

„Haut ab nach Bulawayo“

© issa

Zeugenaussage zu Polizeiübergriffen in Harare

Das Volk habe gesprochen, erklärte Mugabe nach den Wahlen; mithin verbiete sich jeder Protest, gegen Demonstrationen werde entschieden vorgegangen. Als erste bekamen diese Drohung Frauen der Frauenrechtsorganisation Woza („Women of Zimbabwe Arise“) zu spüren, die sich am Wahlabend in Harare zu einer Mahnwache für Frieden und Gerechtigkeit versammelt hatten. Über tausend Frauen aus Harare, Bulawayo und vom Lande hatten sich auf den Weg gemacht. Sie wurden von der Polizei aufgehalten, 260 – einige mit Babys auf dem Rücken – wurden verhaftet, viele schwer misshandelt . Über dreißig mussten behandelt und ins Krankenhaus gebracht werden. Wir dokumentieren den von Woza aufgenommenen Bericht einer 74-jährigen Augenzeugin aus dem Mabutweni Township von Bulawayo. Als Großmutter muss sie sich um vier HIV/Aids-Waisen kümmern.

Nachdem ich gewählt hatte, verließ ich Bulawayo, um nach Harare zu fahren und dort für Frieden zu beten und dafür, dass die Wahlen nicht geschoben werden. Niemand hat mich dazu gezwungen. Es war lediglich mein leerer Bauch, der mich zwang, mich den Frauen von Woza anzuschließen.

Als ich in Harare ankam, war es schon sehr spät, weil unser Bus sich beim Tanken in Gweru in eine lange Schlange einreihen musste. Am Africa Unity Square berichteten einige Frauen, es seien bereits viele Frauen verhaftet worden und wir sollten lieber weggehen. Unsere Leiterin brachte uns daraufhin zu unserem Schutz in den Wartesaal des Bahnhofs.

Wenige Zeit später drang Polizei herein, hektisch und mit lautem Geschrei: „Gesicht nach unten! Auf den Boden!“ Wir folgten sofort; trotzdem schlugen sie uns mit ihren Schlagstöcken. Wer sich vom Boden erhob, wurde verprügelt. Danach trampelten sie mit ihren Stiefeln auf uns ein und riefen: “Haut ab nach Bulawayo – zu Blair und der MDC; Harare ist nicht euer Terrain.“

Nach dieser ausgiebigen Prügel verspürte ich Schmerzen und rief: „Habt ihr denn noch nicht genug?“ Daraufhin drohten sie, mich umzubringen. Sie schlugen mir auf die Schulter, bis meine linke Seite taub war. Da sagten sie zu mir: „Jetzt kannst du beten, dass du nicht stirbst.“

Und ich betete: Gott, ich bin hier, weil ich mit meinen Enkelkindern leide. Ich werde geschlagen, aber ich weiß auch, dass Du siehst, was sie mit mir tun. Du allein kannst sie hindern, uns zu schlagen. Ich unterwerfe mich Deinem Willen, aber ich habe schon so gelitten während des Gukurahundi. Ich habe meine ganze Familie verloren. Nur ich habe überlebt.

Sie unterbrachen mich und schlugen mich mit einer Eisenstange in den Unterleib und auf die Nieren und sagten, jetzt würde ich sterben. Doch ich glaube, Gott hat mein Gebet erhört; denn sie befahlen uns aufzustehen und zur Polizeizentrale in Harare zu marschieren. Wir wurden wie Vieh in drei Blöcken zusammengetrieben, wobei sie ununterbrochen auf uns einschimpften. Auf der Polizeistation trieben sie uns mit Knüppeln zu bereits dort sitzenden Frauen. Ich fühlte mich besser, als ich unter den Verhafteten Gesichter von Woza-Frauen erkannte.

Da ich heftigen Drang verspürte, bat ich, zur Toilette gehen zu dürfen. Sie verweigerten es mir und jagten mich zurück auf meinen Platz. Wir alle verbrachten die Nacht auf einem kalten Flur und wurden wiederholt von einem Polizisten bedroht, der uns mit einem AK-47-Gewehr bewachte. Ich sah, wie weitere Frauen unter Schlägen in die Polizeistation gebracht wurden. Manche brachen unter den Schlägen fast zusammen, wenn sie vom Polizei-LKW geprügelt wurden.

Am Morgen forderten unsere Leiterinnen Rechtsbeistand an, damit wir Essen und Zugang zu den Toiletten bekämen. Aber es kam kein Essen, die Polizei drohte uns vielmehr, uns zur Zahlung von Strafgeldern zu zwingen, andernfalls müssten wir das Wochenende in der Zelle verbringen. Die Frauen waren sehr tapfer und gaben zurück, sie dächten nicht daran zu zahlen, denn sie hätten nichts verbrochen. Schließlich kamen Rechtsanwälte und rieten uns nach Absprachen mit unseren Leiterinnen zu zahlen. Ich möchte ihnen noch Danke sagen für ihre Hilfe. Die Polizei gab an, wir hätten auf dem Africa Unity Square den Verkehr blockiert. Doch dort, wo wir waren, sind keine Straßen, sondern Anlagen mit einem Springbrunnen.

Ich musste meine Strafe zahlen und wurde wie die anderen, die schwer verletzt wurden, ins Krankenhaus gebracht. Ich blieb dort drei Tage wegen meiner Prellungen und meiner zerschundenen Schulter. Ich betete, schnell gesund zu werden, damit ich bei Woza weiterarbeiten könnte, wozu mein leerer Bauch mich einfach zwingt.

Als Großmutter bin ich schockiert, dass diese Polizisten keinen Respekt vor Alten haben. Am 8. März wurde ich auch verhaftet, bevor ich am Marsch anlässlich des Internationalen Frauentags teilnehmen konnte, zusammen mit 14 anderen. Die Polizei in Bulawayo behandelte mich mit Respekt, obwohl ich in Haft saß. Sie sagten, sie wollten mein Haus durchsuchen. Doch als sie dort ankamen, fühlten sie sich gehemmt. Sie sagten, sie hätten kein Recht dazu. Ich wurde nach vier Stunden entlassen. Die Polizei in Harare schlug uns, weil wir aus Matabeleland waren. Doch viele der verhafteten Woza-Frauen kamen auch aus Harare.

In meinen 74 Jahren habe ich die Smith-Regierung erlebt. Wir hatten zu essen und konnten überleben, auch wenn wir nicht wählen konnten. Die Smith-Regierung hatte es auf Freiheitskämpfer abgesehen, nicht auf einfache Leute wie mich. Doch dieses Regime von Mugabe ließ dem Gukurahundi freien Lauf, und ich habe mein ganzes Haus verloren. Ich hatte ein schönes Haus; sie plünderten es und brannten es nieder. Ich hatte nichts mehr, und wenn es so weiter geht wie jetzt, werde ich wieder nichts mehr haben.


Gukurahundi

Der Begriff aus der Sprache der Shona bezeichnet den „ersten Regen, der Staub und Sand von den Quellen spült, damit sie fließen können“. Mugabe nannte so seine 5. Brigade, die er 1983/84 zur Vernichtung politischer Rivalen ins Matabeleland schickte. 20.000 kamen damals um. Das Verbrechen wurde 1995 von der katholischen Kommission Justitia et Pax dokumentiert, bisher aber nicht aufgearbeitet.


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