Nr.3-2006

Von Soweto nach Tshwane

© issa

Kommentar zum 30. Jahrestag der Soweto-Aufstände

Hein Möllers

Vor dreißig Jahren erschütterten Schüler- und Studentenproteste die Johannesburger Township Soweto. Auslöser war eine Direktive der Regierung, in höheren Klassen auf Afrikaans und nicht mehr auf Englisch zu unterrichten. Afrikaans ist die Sprache der Buren, die damals die rassendiskriminierende Apartheid am konsequentesten vertrat, die Sprache der Polizei, der Gerichte und der Verwaltung, die Sprache der Unterdrücker. Die Unruhen begannen im Mai 1976 und erreichten ihren Höhepunkt am 16. Juni. Nach offiziellen Angaben wurden in diesen Wochen 600 Demonstranten von der Polizei erschossen.

Der Aufstand von Soweto markiert das Ende der Friedhofsruhe im Apartheidstaat, die mit dem Verbot aller Anti-Apartheidorganisationen nach dem Massaker von Sharpeville 1960 mit Gewalt durchgesetzt worden war. Nach Soweto kam Südafrika nicht mehr zur Ruhe. Zwei Jahre später, 1978, suchte der damalige Staatspräsident P.W. Botha die weiße Herrschaft zu konsolidieren. „Adapt or die“, erkannte er. Eine Verfassungsänderung, die Asiaten und Farbige als Juniorpartner der Weißen einbinden sollte, hatte keinen Erfolg.

1983 gründeten Oppositionsgruppen das Anti-Apartheidbündnis United Democratic Front, die den Widerstand im Lande organisierte. Das Engagement der Arbeiter für den Widerstand nahm durch die Gründung des Gewerkschaftsverbandes Cosatu neue Dimensionen an.

„Macht die Städte unregierbar“ lautete der Slogan spontanen Aufruhrs Ende der 1980er Jahre. Die Regierung reagierte mit der Verhängung des Ausnahmezustandes über weite Teile des Landes.

Ende der 1980er Jahre war die Situation nicht mehr zu halten, der Widerstand war nicht zu brechen, die internationale Isolation nahm zu und das Ende des Ost-West-Konflikts hatte die politische Großwetterlage so verändert, dass Südafrika nicht weiter mit dem Hinweis auf die „rote Gefahr“ spielen konnte. Das Regime nahm Verhandlungen auf mit dem erklärten Ziel, Macht zu teilen, um die Kontrolle zu behalten.

Es kam anders. Mit den ersten freien Wahlen von 1994 ist Südafrika „ein anderes Land“, wie der angesehene Publizist Allister Sparks schrieb. Das beschworene Chaos ist ausgeblieben, die Demokratie hat sich als stabil erwiesen. Und selbst die Landkarte trägt der Mehrheitsbevölkerung Rechnung: Aus der Hauptstadt Pretoria wurde die Hauptstadt Tshwane.

Trotzdem – zum dreißigsten Jahrestag von Soweto mochte sich die rechte Stimmung nicht einstellen. Die Jugend sei „gleichgültig“ gegenüber nationalen Gedenktagen, mokierte die Regierung. Percy Ngonyama von der Zivilbewegung in Durban sieht das anders. Die 1976er-Generation habe ihr Leben nicht für ein „kriminelles, neoliberales Paradies“ aufs Spiel gesetzt. Für viele junge Menschen habe sich nur wenig geändert. Die Mehrheit der Schulen ist in miserablem Zustand; viele mussten die Schulgebühren erhöhen, da die staatlichen Gelder nicht fürs Notwendigste reichen.

Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen hat krisenhafte Ausmaße angenommen. Acht Millionen in Südafrika haben keine Arbeit; 70 Prozent davon sind Jugendliche. Die Regierung hat mehrere Arbeitsbeschaffungsprogramme aufgelegt. Doch sie sind finanziell unterausgestattet, bringen Einzelnen nur befristete und oft schlecht bezahlte Stellen. Die Regierung schiebt den Opfern den Schwarzen Peter zu: Ihre Ausbildung sei zu dürftig. Dabei hat eine beträchtliche Anzahl von ihnen einen zwölfjährigen Schulabschluss. Über Hunderttausend finden trotzdem keine Arbeit oder sind unterbeschäftigt.

Dabei gibt es genug zu tun, um die großen Lücken zu füllen, die Apartheid der benachteiligten Bevölkerung zugefügt hat. Statt Unternehmenssteuern zu senken, müsste die Regierung Krankenhäuser bauen, Schulen, Straßen, Kindergärten, Zentren für missbrauchte Frauen und anderes mehr. Damit könnten eine Menge Arbeitsplätze geschaffen werden.

Auch Bischof Tutu warnt vor der sozialen Spaltung: Südafrika habe eine beeindruckende Stabilität entwickelt. Diese sei jedoch bedroht von „entmenschlichender Armut“. Die Bilanz einer Regierungskommission bestätigt das: „Zwei Ökonomien – ein Land“, diagnostizierte sie die Lage 2004. Sie verglich die beiden Ökonomien mit den Etagen eines Hauses, die keine Treppe verbindet. In der Belle Etage residiert die dynamische formelle Wirtschaft mit den „Global Players“, den weltweit operierenden Konzernen, die sich anschicken, die Märkte Afrika zu erobern. Das Souterrain ist die Etage des täglichen Überlebenskampfes, der Landlosigkeit, Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit.


»Abonnement         »Einzelheftbestellung         »kostenloses Probeheft
Die Fachzeitschrift afrika süd, gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika, erscheint alle zwei Monate im Umfang von 40 Seiten.

Bezugsbedingungen
Einzelheft: EUR 6,00 (zzgl. Versandkosten)
Jahresabonnement In- und Ausland: Privatpersonen: EUR 35,00; Institutionen und Förderer EUR 50,00
Luftpostzuschlag: EUR 8,00

Ein Abonnement umfasst mindestens ein Jahr (6 Ausgaben). Nach Ablauf eines Jahres kann es jederzeit mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt werden.

Herausgeber
informationsstelle südliches afrika e.V. (issa)
Königswinterer Str. 116, D-53227 Bonn
Tel.: 0228 - 464369; Fax: 0228 - 468177
E-Mail: issa@comlink.org, Internet: www. issa-bonn.org

 Übersicht  Seite drucken zurück nach oben