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Nr.4-2006 |
Forschung in Afrika muss praktischen Nutzen bieten und stets Wege aufzeigen, wie natürliche Ressourcen langfristig von allen genutzt werden können. In Namibias Namib-Wüste liegt das Forschungslabor Gobabeb. Die Autorin hat das „Center of Excellence“ besucht. Margit Enders |
Der Geländewagen holpert über die Schotterpiste. Es ist früh am Morgen. Vor knapp einer Stunde bin ich in Namibia gelandet. Joh Henschel, Direktor der Wüstenforschungsstation Gobabeb, hat es sich nicht nehmen lassen, mich vom Flughafen in Windhuk abzuholen. Dabei ist seine Zeit extrem knapp bemessen. Zuviel gibt es zu tun, um die Station am Laufen zu halten: an Meetings teilnehmen, Vorträge halten, Interviews geben. Deshalb nutzt er die knapp vierstündige Fahrt von der Hauptstadt in die Wüste, mir zu erläutern, was sich seit meinem letzten Aufenthalt in Gobabeb alles getan hat. „Es gibt soviel Neues. Du wirst staunen“, verspricht Joh, der vor zwei Jahren die Rolle des passionierten Feldbiologen gegen die des nicht weniger engagierten Managers und Fundraisers eingetauscht hat. Mir steckt der Nachtflug noch in den Knochen. Jetzt nicht selbst hinterm Steuer zu sitzen und sich durch den für Festlandeuropäer ungewohnten Linksverkehr fädeln zu müssen, nehme ich dankbar an. Wir lassen die Klimaanlage Klimaanlage sein und uns lieber bei heruntergedrehten Seitenscheiben die warme Luft um die Nase wehen. In der Namib, die unser Ziel ist, herrschen für eine Wüste eher moderate Temperaturen mit am Tag im Mittel um die 27 °C im Winter und rund 33 °C jetzt im Sommer. Im Sommerhalbjahr, also zwischen Oktober und März, setzt nachmittags regelmäßig ein kräftiger Südwestwind ein und bringt willkommene Kühlung. Im Winter löst ihn gelegentlich der gefürchtete Ostwind ab, der stets mehrere Tage dauert. Dieser extrem trockene und sehr heiße Wind aus dem Hochland treibt einem auch das letzte bisschen Energie aus. West- und Ostwind im Wechsel lassen verschiedenartige Dünen entstehen wie etwa die bis 400 Meter hohen stationären Sterndünen im Osten der Namib und die niedrigen, sehr wanderfreudigen Sicheldünen an der Küste, die im Jahr bis zu siebzig Meter vorankommen. Das Merkmal, das die Namib von den meisten Wüsten der Erde unterscheidet, ist der Nebel. Über dem kalten, nährstoffreichen Benguelastrom, der von der Antarktis kommend entlang der Westküste Afrikas nach Norden zieht, bilden sich dichte Nebelbänke, die landeinwärts ziehen. Dieser Nebel ist eine wichtige Wasserquelle für die Wüstenbewohner. Da Regen nur sporadisch und örtlich begrenzt fällt (mehr als 10 – 50 mm im Jahr sind nicht drin), muss sich als Nebelfänger bewähren, wer überleben will. Die wohl auffälligsten Nebelnutzer sind zwei der zweihundert Schwarzkäferarten der Namib. Man sieht sie morgens bei Nebel auf den Dünenkämmen. Sie knicken die Vorderbeine ab und recken so den Körper in die mit Wasserdampf gesättigte Luft. An der gerillten Körperoberfläche sammelt sich der Nebel zunächst in kleinsten Tröpfchen, fließt dann zusammen und rinnt zur Mundöffnung. Was für Tiere gilt, gilt natürlich auch für
Pflanzen und neuerdings sogar für Menschen. Joh zieht aus einer seiner
zahlreichen Westentaschen den neuesten Gobabeb-Prospekt und reicht ihn
mir. Auf Seite 12 ist das Fog-Harvesting-Projekt näher erläutert:
Unterschiedlich strukturierte, senkrecht aufgestellte Netze wurden daraufhin
getestet, ob sich damit Trinkwasser aus dem Nebel gewinnen lässt.
Tatsächlich ergaben die Versuche, dass ein bestimmter Netztyp in
einer einzigen Nebelnacht bis zu sechs Liter Wasser pro Quadratmeter auffängt.
In der südlichen Namib leben Leute vom Stamm der Topnaar. Zwölf
Ansiedlungen einfachster Art gibt es. Dass Wasser für die Topnaar
und ihr Vieh ein rares Gut ist, versteht sich von selbst. Einfache Nebelwassersammler
wären da sehr willkommen. Ob die Ergebnisse denn schon in der Praxis
Anwendung fänden, will ich wissen. „Zusammen mit den Topnaar
arbeiten wir gerade an wirklich robusten, alltagstauglichen Nebelfängern“,
beschreibt Joh den Fortgang des Projekts. Vielfalt von Pflanzen und Tieren Im Vergleich zu anderen Wüsten wie etwa der Sahara ist die Namib sehr, sehr alt: Geologen schätzen sie auf sechszig bis achtzig Millionen Jahre, wobei das heutige Klima bereits seit rund siebzehn Millionen Jahren besteht. So lange schon ist Regen sehr selten, auch regnet es immer nur auf kleinen Flecken. Die Anpassungen, die nötig sind, um solche Bedingungen zu überleben, haben dazu beigetragen, dass im Laufe der Jahrmillionen eine ungeheurere Vielfalt an Pflanzen und Tieren entstand. Viele von ihnen sind endemisch, das heißt sie kommen nur hier vor. Allen voran die Welwitschia mirabilis, eine uralte Mischung aus Kiefern, blütentragenden Pflanzen und Moosen. Ihr Stamm gleicht einem kurzen Stummel, ihre gerillten Blätter, von denen sie nur zwei besitzt, wachsen beständig nach und können gut zwei Meter lang werden. Einige Exemplare schätzt man auf ein Alter von 3000 Jahren. Und nicht zu vergessen die Nara, das wohl stacheligste
Kürbisgewächs der Welt. In der Regel wachsen Naras in den Senken
zwischen den Dünen, wo sie Zuflucht und Nahrung für zahlreiche
Tierarten bieten. Die Sträucher, in denen sich der Sand fängt,
formen im Laufe der Jahre bis zu acht Meter hohe Hügel. Wie bei einem
Eisberg im Wasser liegt der größte Teil der Pflanze verborgen
im Sand, ihre Wurzeln reichen tief in die Erde bis zum Grundwasser. Das
blattlose, grüne Gestrüpp trägt fleischige, ebenfalls grüne
Blüten und später stark ölhaltige, stachelbewährte,
kugelrunde Kürbisse mit leuchtend orange-gelbem Fruchtfleisch. Die
Topnaar ernten die Kürbisse, trocknen die Samen zum Verzehr und bereiten
aus dem Fruchtfleisch eine Art Trockenobst. Nachhaltiges Wirtschaften Dass heute angewandte Forschung mit konkretem Nutzen für die Bevölkerung überhaupt möglich ist, liegt an der soliden Grundlagenforschung, die ganze Legionen von Forschern jahrzehntelang in der Namib betrieben. Angefangen mit Charles Koch. Auf einer Exkursion entdeckte der österreichische Insektenforscher 1958 inmitten des geschützten Namib-Naukluft-Parks einen Platz, der ihm ein idealer Ausgangspunkt für die Feldforschung schien: sechzig Kilometer landeinwärts, dort wo das Südliche Dünenmeer an die Schotterebene im Norden heranreicht, getrennt von dem Trockenflussbett des Kuiseb mit seinem dichten Baumbestand. Vier Jahre später eröffnete Koch die Station, die damals nur aus einigen wenigen Gebäuden bestand, und nannte sie nach dem Topnaar-Wort für den Ort Gobabeb, was soviel bedeutet wie „Wo der Feigenbaum wächst“. Das Geld dafür kam aus Südafrika, unter dessen Protektorat Namibia, damals noch Süd-West-Afrika, stand. Was so bescheiden begann, entwickelte sich bald zur Boomtown der Wüstenforschung. Gobabeb bot Unterkünfte, Büros, ein Labor, Klimakammern und vieles andere mehr. Zahlreiche Forscher der verschiedenen Fachrichtungen von Geologie über Physiologie bis zur Ethnologie und auch immer wieder Filmteams erklärten die Station zu ihrem Basislager, von dem aus sie – die nötigen Genehmigungen der Naturschutzbehörden vorausgesetzt – unbehelligt arbeiteten. Kooperationen mit Universitäten auf der ganzen Welt entwickelten sich. Mehr als 1800 Publikationen entstanden im Laufe der Jahrzehnte. Ein Schlaraffenland der Freilandforschung im Südlichen Afrika! Management für Trockenflüsse Heute liegt das Hauptaugenmerk auf nationalen Projekten, die den Schutz der natürlichen Ressourcen des Landes und den nachhaltigen Umgang damit erforschen. „Das Kuiseb-Basin-Management-Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir Grundlagenwissen nutzen, um die Wasserversorgung der Bevölkerung durch den Kuiseb langfristig zu sichern“, erklärt Joh gerade, als wie auf Kommando am Horizont der Wasserturm, das Wahrzeichen Gobabebs, und dahinter die ersten Dünen auftauchen. Außer dem ständig fließenden Kunene, der im Norden die Grenze zu Angola bildet, und dem Oranje, dem Grenzfluss zu Südafrika im Süden, gibt es in Namibia 25 weitere Flüsse, deren Flussbetten jedoch meist staubtrocken sind. Nur wenn es regnet, führen sie für einige Tage Wasser. Lediglich 17 Prozent der Niederschläge bleiben dem Ökosystem Trockenfluss erhalten, etwa indem sie in den Untergrund versickern und dort Wasseradern speisen. Einer davon ist der Kuiseb. Von seinem Ursprung im Hochland westlich von Windhuk auf 2347 Meter Höhe bis zu seiner Mündung im Atlantischen Ozean sind nicht weniger als 70.000 Menschen auf ihn angewiesen, darunter viele Farmer, die Minengesellschaften, der Tourismus und nicht zuletzt die Naturparks mitsamt ihrem Bestand an Flora und Fauna. Mit dem Kuiseb-Basin-Management-Projekt erarbeiten Forscher und Behörden derzeit, wie sich dass Flusswasser schonend nutzen lässt, und schaffen damit ein Mangementkonzept für die anderen Trockenflüsse Namibias. „Center of Excellence“ „Gobabeb hat im Südlichen Afrika die Rolle eines Centers of Excellence, arbeitet federführend in zahlreichen Gremien zum Erhalt der natürlichen Ressourcen und dem schonenden Umgang mit der Natur auf dem Afrikanischen Kontinent mit und ist auch international ein angesehener Partner“, sagt Joh stolz, bevor er ohne Vorankündigung in seinem Büro verschwindet, weil seine Mitarbeiter ihn bereits erwarten. Das gibt mir Gelegenheit, mich in aller Ruhe auf dem Gelände umzusehen. Seit meinem letzten Aufenthalt hat sich einiges grundlegend geändert. Am deutlichsten wird das auf dem Energiesektor. Wo früher zwei dicke Generatoren lärmten und jede Menge Diesel verschlangen, um zumindest tagsüber die Stromversorgung zu garantieren, deckt heute Photovoltaik rund um die Uhr den Bedarf. Sonnenkollektoren auf den Dächern sorgen für warmes Wasser. Ein passives Kühlsystem, das die konstant niedrige Bodentemperatur in anderthalb Metern Tiefe nutzt, schafft angenehmes Raumklima. Daneben wird Brauchwasser aufbereitet und Müll getrennt. Aus dem lehmigen Sand des Kuiseb sind Lehmziegelhäuser entstanden, die außer etwas Know-How und Manpower nicht viel gekostet haben – ein Projekt, das der einheimischen Bevölkerung zeigen soll, wie sie aus vorhandenen Rohstoffen Werte schaffen kann. Als ich Joh etliche Stunden später in der Amabilis-Hall, dem neuen Konferenzsaal, wiedertreffe und wir uns auf eine abendliche Dünenwanderung machen, erzählt er mir, wie es weitergehen soll mit Gobabeb, wenn Ende 2006 die Finanzierung aus Deutschland auslaufen wird. Die Regierung Namibias verfüge nicht über die nötigen Mittel, um die Station weitreichend zu unterstützen, sagt Joh. Immerhin habe sie Gobabeb ermöglicht, sich durch die Vergabe von Lizenzen für den Bau einer Lodge ganz in der Nähe neue Geldquellen zu erschließen. Ob es dazu kommt und inwieweit dies letztendlich die Station finanziell tragen wird, sei aber offen. „Deshalb suche ich natürlich verstärkt weiter nach Geldgebern aus dem In- und Ausland“, erklärt Joh seinen anstrengenden Job. Optimistisch fügt er hinzu: „Und ich bin mir sicher, wir finden sie.“ Weiterführende Informationen über Gobabeb,
seine Forschungsprojekte, seine Rolle als Center of Excellence im Südlichen
Afrika und seine Funktion als Bildungsstätte gibt es unter www.gobabeb.org.
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Die Fachzeitschrift afrika süd,
gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika, erscheint
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