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Nr.4-2006 |
Barbara Becker hat in der zweiten Hälfte
der 1990er Jahre Lebensgeschichten von Menschen aus dem Norden Namibias
gesammelt, Geschichten von namibischen Aktivisten, die inmitten des antikolonialen
Widerstands aufgewachsen sind. In dem Band „Speaking Out“
schildern die Menschen, wie sich ihr Leben nach der Unabhängigkeit
1990 gestaltet hat.
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Ich habe 1984 die Oshela Secondary School abgeschlossen, 1987 mein Lehrerzertifikat erhalten und auf der Oshela Secondary School mit dem Unterrichten begonnen. 1994 wurde ich Leiterin der Efuta-Grundschule. Ich war sehr glücklich, als ich an die Efuta-Grundschule versetzt wurde, denn das ist die Schule in Omulonga, und Omulonga ist das Dorf, in dem ich geboren wurde. Ich hatte schon immer die Leiterin dieser Schule werden wollen, denn ich wollte in diese Schule Entwicklung bringen. Und in das Dorf wollte ich auch die Entwicklung bringen. Mein Vater, der im Jahr zuvor gestorben war, war der Stellvertreter des Dorfältesten und er hatte diese Schule gegründet. Das war eine schwere Arbeit. Der Dorfälteste wollte nämlich keine Schule gewollt und hat nichts dafür getan. Mein Vater ist zu allen Leuten gegangen und hat gefragt, wie viele Kinder sie haben, und dann hat er einen Antrag geschrieben und ist zu Fuß nach Ondangwa gegangen, das waren drei Tage, und er hat den Antrag dort der Regierung vorgelegt. Die Regierung hat den Antrag angenommen und baute eine Schule, drei Zwei-Zimmer-Klassenräume aus Lehmziegeln mit Wellblechdächern, Tafeln, Tischen und Stühlen. Aber die Schule lief nicht gut. Die Lehrer arbeiteten nicht gut. Sie wussten, dass der Dorfälteste die Schule nicht wollte, also waren sie faul, sie gingen nicht zum Unterricht, sondern zum Cucashop und tranken dort Bier. Als ich mit der Arbeit anfing, hielt ich eine Rede und sagte: „Ich bin die Schulleiterin. Das bedeutet nicht, dass ich alles weiß. Es bedeutet, dass ich unsere Arbeit organisiere. Jede Arbeit muss organisiert werden und ihr müsst das machen, was organisiert wird. Ihr habt Unterrichten gelernt, und man erwartet von euch, dass ihr unterrichtet. Ihr könnt nicht einfach tun, was ihr wollt. Ihr tut, was ich tue, wenn ich in die Klasse gehe, geht ihr auch in die Klasse. Wenn ich hier sitze, könnt ihr auch hier sitzen.“ Das war meine erste Rede. Ich musste noch oft reden, aber nun ist es besser, die Lehrer fehlen nicht mehr, und die Schüler auch kaum noch. Ich wollte die Entwicklung in die Schule und ins Dorf bringen, aber das war nicht einfach, weil der Dorfälteste Oiva Ndevahoma gegen mich war. Ich glaube, er hatte Angst, dass ich Dorfälteste werde wollte und ihm seine Position wegnehmen würde. Immer, wenn ich etwas plante, legte er mir Steine in den Weg. Zum Beispiel war die Mitarbeit der Eltern notwendig, bei Disziplinproblemen oder wenn Schüler sehr schwach waren und nicht mitkamen. Ich lud die Eltern zu Schulversammlungen ein. Wenn Oiva das mitbekam, ging er zu den Eltern und redete mit ihnen und sagte „Ihr braucht nicht zur Schule zu gehen, es gibt keine Versammlung.“ Also kamen die Eltern nicht, und wir Lehrer mussten allein mit allem fertig werden. Das sagte ich dem Schulrat und der ging gleich zu Oiva
und fragte: „Stimmt es, dass du den Eltern gesagt hast, sie brauchen
nicht zur Versammlung zu gehen?“ Ein Brunnen für das Dorf Da beantragte ich einen Brunnen auf unserem Schulgelände, also nicht auf einem Dorfgrundstück. Ich schrieb auf, wie viele Haushalte in unserem Dorf waren und wie viele in der Nähe, ich schätzte, wie viel Stück Vieh es gab und wie viele Ziegen. Dann fragte ich die Dorfältesten der Nachbardörfer, wie viele Haushalte es bei ihnen gab. Ich unterschrieb den Antrag selbst und schickte ihn an die Behörde. Er wurde genehmigt und die Regierung schickte Leute, die zu dem Dorfältesten gingen und sagten, sie würden bei der Schule einen Brunnen bohren. Oiva sagte nichts dagegen. Nun sollten wir ein Wasserkomitee bilden. Ich hatte den Antrag gestellt, und so wurde ich zur Vorsitzenden von dem Komitee bestimmt, und die Leute vom CIAPAC-Wasserprojekt schulten uns. Wir mussten 10.000 N$ aufbringen, bevor die Solarpumpe installiert werden konnte. Die Regierung wusste, wenn die Leute bezahlen müssen, dann kümmern sie sich auch richtig um den Brunnen. Alle Familien mussten bezahlen. Alle sollten merken, dass der Brunnen ihnen gehörte. Wir zählten die Familien und teilten die10.000 N$ entsprechend auf. Jede musste 174,30 N$ bezahlen. Das war schwierig, denn der Dorfälteste bezahlte nicht. Er war gegen die Regierung und traf sich mit allen, die auch gegen die Regierung waren, und sagte ihnen, sie sollten nichts bezahlen. Wir brachten nur 2.000 N$ zusammen. Was sollten wir tun? Wir redeten mit allen einzeln und da gaben sie uns Ziegen, viele Ziegen. Die schlachteten wir und brieten sie und verkauften das Fleisch. So bekamen wir 4.000 N$ zusammen. Dann gab uns der Schulrat ein Rind, wir verkauften es und hatten jetzt 6.000 N$. 4.000 N$ fehlten immer noch. Wir baten die Regierung, trotzdem die Pumpe zu installieren, damit die Leute Wasser holen konnten. Sie sollten aber dafür bezahlen. Zuerst wollte die Regierung nicht, aber dann installierte sie die Pumpe doch, und wir regelten das so: Jede Familie, die Wasser holte, musste sofort 50 N$ bezahlen, 124 N$ später, dafür durfte sie ihr Vieh tränken und fünf Tage lang Wasser holen. Danach musste sie das Wasser wieder woanders holen, bis der Rest bezahlt war. Die Leute kamen und bezahlten, sogar der Dorfälteste. Der Schulrat hatte zu seinem Bruder gesagt: „Du bist gegen den Brunnen, dabei bist du der Dorfälteste, der Leiter der Gemeinde. Du arbeitest nicht für die Gemeinde, aber das müsstest du tun, du musst zum Wohl der Gemeinde arbeiten. Du hättest den Brunnen beantragen müssen.“ Da bezahlte der Dorfälteste 200 N$, er zahlte also 26 N$ mehr als er musste. Ich weiß nicht mehr, wann wir die 10.000 zusammen hatten, aber wir haben es geschafft. Wir zahlten sie auf ein Bankkonto ein, denn das Geld war für den Betrieb und die Reparaturen. Doch der Kampf um den Brunnen war noch nicht zu Ende. Die 174 N$ reichten nicht, und die Familien mussten jährlich 6 N$ dazu bezahlen. Manche taten das nicht. Wir hatten viele Versammlungen und mit der Zeit zahlten mehr und mehr Leute. Manche sind immer noch dagegen, aber wir schaffen es nun. Der Dorfälteste blockt alles ab Unser bisher letzter Kampf ging um Cucashops, diese kleinen Bars, in denen Bier und Erfrischungsgetränke verkauft werden. Der Dorfälteste hatte die Grundstücke neben der Schule einigen Leuten gegeben, damit sie darauf Cucashops bauten. Die Cucashop-Besitzer drehten das Radio auf volle Lautstärke und machten viel Krach. Wenn ich in die Klasse kam, tanzten die Schüler nach der Musik. Unterrichten und Lernen war gar nicht mehr möglich. Ich lud zu einer Schulkonferenz ein, um darüber zu sprechen, und fragte die Eltern, wie sie das fanden, aber wir kamen zu keinem Ergebnis. Also redete ich mit dem Schulrat und der schickte seine Schwester, aber das half auch nichts, denn der Dorfälteste sagte, die Cucashops bringen wirtschaftliche Entwicklung. Dann wurde eine Versammlung für den nächsten Sonntag angesetzt, zusammen mit dem Schulrat, dem Regierungsbeamten unseres Bezirks und dem Polizeihauptmann. Der Dorfälteste beriet sich vorher mit seiner Frau. Vielleicht war der Dorfälteste auch gar nicht das Problem, sondern seine Frau. Sie war ganz und gar gegen mich, weil sie Angst hatte, dass ich genauso klug bin wie mein Vater. Mein Vater war wirklich sehr klug, er galt als weiser Mann. Was mich angeht, ich weiß nicht. Frau Ndevahoma hatte vielleicht gedacht: Solange Suoma die Schule leitet, wird sie immer das Sagen haben. Suoma kann die ganze Gemeinde beeinflussen, und sie sagt alles dem Schulrat weiter. Sie wird sich nicht ändern. Vielleicht dachte Frau Ndevahoma so. Und öfters schon hatte der Schulrat seinen Bruder in Versammlungen gefragt: Woher weißt du das oder dies? Sagst du das von dir aus oder hat dir das jemand anderes gesagt? Deshalb hatten die Ndevahomas Angst vor Diskussionen und kamen lieber nicht zu den Versammlungen. Sie wollten mich los werden, aber das gelang ihnen nicht. Nichts half. Also ging die Frau des Dorfältesten zu einer traditionellen Heilerin, einer alten Frau, die mit dem Bruder des Dorfältesten verheiratet ist. Sie sollte sie auf der Versammlung vertreten, was sie auch versprach. Bei dieser Versammlung begann der Regierungsbeamte und sagte: „Ich habe euch einen Brunnen besorgt. Das Wasserproblem ist also gelöst. Was habt ihr jetzt für ein Problem?“ Da waren alle still, selbst die Heilerin. Nach dieser Eröffnung sagte niemand etwas. Ich meldete mich und sagte: „Wir haben kein Wasserproblem mehr. Aber da sind diese Cucashops neben der Schule. Vielleicht sind die ein Problem.“ Der Schulrat fragte: „Wer hat die Grundstücke für die Cucashops hergegeben?“ Der Dorfälteste sagte, er habe es getan. Der Regierungsbeamte fragte die Cucashop-Besitzer: „Seid ihr Namibier?“ Sie antworteten: „Ja.“ Er fragte weiter: „Habt ihr Kinder auf der Schule?“ Sie antworteten wieder: „Ja.“ Da fragte er: „Und was haltet ihr davon, dass eure Kinder nicht hören, was die Lehrer sagen, sondern wie die Musik spielt?“ „Äh, äh...“, stotterten sie. Dann sagte jemand: „Lasst uns abstimmen und sehen, wie viele für die Cucashops sind und wie viele dagegen.“ Aber da wurde der Schulrat wütend und rief: „Nein, hier wird nicht abgestimmt. Wir spielen nicht, wir meinen es ernst. Es geht um unsere Schule, um unsere Kinder, wir wollen, dass unsere Lehrer unsere Kinder ordentlich unterrichten und entwickeln. Wir wollen auf gar keinen Fall Bars in der Nähe von unsern Kindern haben, wo es Alkohol und womöglich auch Drogen gibt. Die Bars müssen verschwinden. Es geht nur darum, dass wir uns darauf verständigen bis wann.“ Und man einigte sich auf einen Termin. Danach hatten der Dorfälteste und der Mann der Heilerin einiges Unglück und Unfälle. Am Tag nach der Versammlung sahen wir, wie Leute mit ihrem Vieh an unserer Schule vorbeizogen. Der Bulle des Dorfältesten trieb den Bullen des Ehemanns der Heilerin in die Enge. Er stieß mit seinen Hörnern zu und traf nicht zwischen die Rippen, sondern genau auf eine Rippe. Der Bulle des Manns der Heilerin schreckte auf und starb auf der Stelle. Sie sagten: „Wir haben Suoma und dem Schulrat Unheil gewünscht; wir wollten, dass sie sterben. Doch nun ist stattdessen der Bulle gestorben. Das Unheil ging auf die Tiere über.“ Sie hatten noch mehr Unglück. Eines Tages stieg der Dorfälteste auf eine Leiter, während er seine Hütte baute, und fiel wie ein Kürbis herunter. An einem anderen Tag wurde er von einem giftigen Insekt gestochen. Der Hof der Familie der Heilerin brannte von der Hütte bis zum Zaun ab. Im September, in der Trockenzeit, wollte der Mann der Heilerin einer Kuh, die ganz schwach und dünn geworden war und nicht mehr aufstehen konnte, helfen. Es konnte ihr zwar hochhelfen, doch sie fiel auf ihn. Da bekamen sie es mit der Angst: „Wir wollten, dass diese Leute sterben; doch jetzt haben wir Unglück. Warum? Wir haben schlechte Sachen getan. Diese Leute, Suoma und der Schulrat, sind Menschen Gottes.“ Das Unheil hörte auf. Die Geschichte hinter der Geschichte Als der Vater sehr alt war und nach einem Nachfolger suchte, gab es niemanden außer Oiva, denn mein Vater war schon gestorben. Deshalb sagte er zu den Leuten im Dorf: „Der Dumme wird euer Dorfältester werden. Wenn es Schwierigkeiten gibt, möge Gott euch helfen.“ Die Schwierigkeiten in unserer Familie haben auch politische Gründe. Als Sakaria T., Oivas Vater und meines Vaters Onkel, jung war, in den dreißiger Jahren, wurde er, wie viele andere, von der Armee der Kolonialmacht eingezogen. Sie bekamen eine Nummer und man sagte ihnen, sie seien jetzt Soldaten Hitlers. Sie wussten nicht, wer Hitler war, und auch nicht so richtig, was sie tun sollten. Sie sollten die Grenze bewachen, aber da war nicht viel zu bewachen. Schließlich ging Oivas Vater zu den Missionaren in Engela und lernte Krankenpfleger und Prediger. Da fand er heraus, dass wir kolonisiert waren und dass das nicht gut war und dass die Missionare auf Seiten der Kolonialherren waren, und es kam zum Konflikt. Er verließ die Missionsstation und trat der Swapo bei, in dem Gründungsjahr 1960. Meine Eltern waren auch sehr früh Mitglieder der Swapo. Aber Oiva nicht, im Gegenteil, er hasste die Swapo. Er arbeitete damals in den Minen in Oranjemund und zeigte Swapo-Mitglieder an. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er dann aber auch Mitglied der Swapo. „Ich muss auf Seiten der Gewinner sein“, erklärte er. Um zum Schluss zu kommen: Ich bin sehr froh, dass ich die Schulleiterin von der Efuta-Grundschule geworden bin. Vieles ist besser geworden. Es ist wirklich sehr wichtig, dass unsere Kinder zur Schule gehen und dass die Eltern ihre Kinder zur Schule schicken. Nur so kann die Entwicklung in unser Dorf kommen. Das haben die Leute verstanden, die meisten jedenfalls. Wir wollen nicht zurückbleiben. Der Kampf geht weiter. Barbara Becker, Speaking Out: Namibians Share Their Perspectives
On Independence, Windhoek: Out of Africa 2005
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Die Fachzeitschrift afrika süd,
gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika, erscheint
alle zwei Monate im Umfang von 40 Seiten.
Bezugsbedingungen Ein Abonnement umfasst mindestens ein Jahr (6 Ausgaben). Nach Ablauf eines Jahres kann es jederzeit mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt werden. Herausgeber |
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