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Nr.5-2004 |
Larissa Förster |
Ohamakari, „das ist die Stelle, wo die Menschen starben am Ort des Krieges, das Land, wo die Menschen sich zerstreuten“, heißt es in der mündlichen Überlieferung der Herero. Denn auf die militärischen Gefechte bei Ohamakari im Kolonialkrieg von 1904 folgte die Flucht und Vertreibung der Herero in die Wüste Omaheke. Dabei kam ein großer Teil der Bevölkerung um oder wurde von den deutschen Truppen ermordet. Der Name Ohamakari steht deshalb nicht nur für die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Herero und Deutschen im Jahre 1904, sondern auch für den Völkermord der deutschen kolonialen Truppen an den Herero. Daher ist es ganz folgerichtig, dass sich die Aktivitäten zum Gedenkjahr 2004 in Namibia jüngst auf den 13./14. August konzentrierten, den 100. Jahrestag des Gefechtes um die historische Wasserstelle Ohamakari, und dass die Gedenkfeiern auf Ohamakari selbst bzw. im nächstgelegenen Okakarara, dem Hauptort des hererosprachigen Kommunalgebietes im Nordosten des Landes, stattfanden. Und schließlich war es die bestmögliche Geste eines deutschen Regierungsmitgliedes, an diesem Tag und an diesem Ort eine Entschuldigung an die herero- und namasprachigen Namibier für die erlittenen Verbrechen auszusprechen – spät, bedenkt man, dass die Gedenkfeiern zum Kriegsausbruch bereits im Januar diesen Jahres stattgefunden haben; aber nicht zu spät, hörte man, mit welcher Erleichterung die Entschuldigung der deutschen Ministerin von Repräsentanten der hererosprachigen Community und der namibischen Regierung, von Medien und vom anwesenden Publikum aufgenommen wurde. Überfällige Entschuldigung Allerdings wurde die Rede der Ministerin doch erst im Nachhinein zu einer Entschuldigung. Der zentrale Satz ihrer Ansprache, die im übrigen auch ins Herero übersetzt wurde, hatte zunächst gelautet: „In the words of the Lord’s Prayer that we share, I ask you to forgive us our trespasses and our guilt.“ („Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen ‚Vater unser’ um Vergebung unserer Schuld.“) Diese Bitte um Vergebung war die entscheidende Demutsgeste, die weit über das hinausging, was man zu hoffen gewagt hatte. Da sich die namibischen Diskussionen um 1904 in den Wochen zuvor aber zunehmend um die Frage der Notwendigkeit einer Entschuldigung gedreht hatten, bedurfte es eines Hinweises darauf aus dem Publikum. Erst dann fügte die Ministerin in einem spontanen Nachsatz zu ihrer Rede hinzu: „Everything I said in my speach was an apology for crimes committed by Germany.“ („Alles, was ich in meiner Rede gesagt habe, war eine Entschuldigung für die von Deutschland begangenen Verbrechen.“) Groß war da die Überraschung bei allen Teilnehmern der Gedenkfeier – hatte doch der deutsche Botschafter in Namibia, Wolfgang Massing, noch kurz zuvor explizit ausgeschlossen, eine Entschuldigung auszusprechen. Er verwies auf die in den USA eingereichte Klage der Herero People’s Reparations Corporation unter Führung von Paramount Chief Kuaima Riruako gegen die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgerin des Deutschen Reiches. Damit hatte der deutsche Botschafter bis zuletzt die starre Haltung des Auswärtigen Amtes in Sachen Entschuldigung – es gebe keine „entschädigungsrelevante Entschuldigung“, so Joschka Fischer bei seinem Namibia-Besuch im Oktober 2003 – vertreten. Das Argument, ein Schuldbekenntnis, eine Entschuldigung oder auch die Verwendung des Begriffs Völkermord könnten der Klägerpartei in den USA Material an die Hand geben, das die Bundesrepublik unmittelbar belasten würde, scheint allerdings nach wie vor hinterfragbar. Kluge Wortwahl der Ministerin Dennoch waren die an anderen Stellen ihrer Rede gebrauchten Begriffe „war of extermination“ („Ausrottungskrieg“) und „annihilation“ („Vernichtung“) in ihrer Aussage klar und deutlich. Durch solch kluge Wortwahl hat sich die Ministerin einerseits dem Vorwurf entzogen, gegen die Sprachregelungen des Auswärtigen Amtes zu verstoßen. Andererseits hat sie sich dennoch so weit wie möglich auf die Seite ihrer Zuhörer gestellt. Die Pressestelle des Auswärtigen Amtes ließ dementsprechend verlauten, die Ministerin habe die Bundesregierung „dem Anlass einer Gedenkfeier entsprechend würdig vertreten“. Die sichtliche Rührung der Ministerin angesichts des historischen Augenblicks und ihrer Rolle darin wurde in Okakarara und Windhoek mit großem Respekt zur Kenntnis genommen und hat wohl einiges wiedergutmachen können, was deutsche Politiker in den letzten 14 Jahren durch ihre Ignoranz gegenüber dem Thema an Schaden angerichtet haben. Sowohl Kuaima Riruako als auch Swapo-Präsidentschaftskandidat Hifikepunye Pohamba nahmen die Entschuldigung noch auf der Rednertribüne an. Klage bleibt Das Anliegen Riruakos und des ihm nahestehenden Koordinationskommitees der Gedenkfeiern, auf jeden Fall in einen direkten Dialog mit der bundesdeutschen Regierung zu treten, ist vom deutschen Botschafter auch nach den Gedenkfeiern entschieden zurückgewiesen worden. Allerdings wurde im Vorlauf und Nachgang zum Ohamakari Day von verschiedenen Seiten vorgeschlagen, eine Kommission einzurichten, die aus Namibiern und Deutschen bestehen und sich über weitere Schritte des Ausgleichs und der Versöhnung zwischen Namibia und Deutschland bemühen könnte. Wieczorek-Zeul setzte sich dabei in ihrer Ansprache vor dem deutschen Bundestag kurz nach ihrer Namibiareise für eine von den namibischen Bischöfen Zephania Kameeta und Reinhard Keding wie auch von dem in Namibia lehrenden Bremer Rechtsprofessor Manfred Hinz vorgeschlagene Versöhnungskommission („panel on reconciliation“) ein. Damit solle die Bundesregierung den Dialog mit der namibischen Regierung, mit Kirchen und der Zivilgesellschaft aufnehmen. Als Diskussionsforum für diese Idee schlug Wieczorek-Zeul die im November in Bremen geplante Konferenz „The German Herero War – One Hundred Years After“ vor. Vertreter der namibischen Regierung nahmen derweil nur vereinzelt zu den Gedenkfeiern in Okakarara Stellung. Premierminister Theo-Ben Gurirab zeigte sich erleichtert über die Rede der deutschen Ministerin: “Die deutschen Behörden haben ein ganzes Jahrhundert gebraucht, doch jetzt haben wir endlich die Worte vernommen, auf die wir so lange sehnlichst gewartet haben, und das bedeutet so viel für die Anerkennung der Menschenwürde und für die Seele unserer Menschen.“ Auch Gurirab plädierte für die Aufnahme eines deutsch-namibischen Dialoges, äußerte sich aber nicht zu den Reparationsforderungen. Angesichts der bisherigen Haltung der namibischen Regierung, diesbezügliche Forderungen einzelner ethnischer Gruppen nicht zu unterstützen, erscheint dies nur logisch. In der Absage an die Reparationsforderungen der Herero sind sich deutsche und namibische Regierung nach wie vor einig. Sie betonen, dass die „besonderen Beziehungen“ zwischen beiden Ländern ihren Ausdruck bereits in der deutschen Entwicklungshilfe für Namibia fänden. Jüngster Ausdruck dieser besonderen Beziehungen sind die zehn Millionen Euro, die die Ministerin bei ihrem Besuch in Namibia speziell für die Unterstützung der namibischen Landreform zusagte. Sonderrolle der Herero? Eine Woche nach dem Ohamakari Day reiste Riruako zu den Gedenkfeiern der Mbanderu-Herero im Osten Namibias und vollzog erstmalig einen freundschaftlichen Schulterschluss mit dem dort wesentlich populäreren Chief Munjuku II. Damit baute er auch eine Brücke zwischen den Herero und den Mbanderu. Ein Schritt, der zeigt, dass der Ohamakari Day auch innerhalb der hererosprachigen Community neue Dynamiken auslöste. In seiner Rede zu Beginn der diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten in Okahandja hatte Kuaima Riruako programmatisch formuliert: „Die Gedenkfeiern zu unserem Völkermord von 1904 sind unser Weg, unsere Geschichte neu zu schreiben.“ Eine Ausstellung, eine Diskussionsrunde, öffentliche Vorträge mündlicher Überlieferungen und ein Gedenkgottesdienst hatten im Vorlauf zum Ohamakari Day denn auch die Plattformen für Austausch und Diskussion der hererosprachigen Namibier untereinander dargestellt. Selbst Herero aus Botswana und Südafrika waren zu diesen Veranstaltungen eingeladen worden. So ging es im Gedenkjahr 2004 für die politische Elite der Herero und die hererosprachige Bevölkerung insgesamt auch darum, die Anerkennung der gesamtnamibischen Öffentlichkeit für ihren Anteil an der Geschichte des antikolonialen Widerstands und des namibischen Befreiungskampfes einzufordern. Der nächste und zugleich letzte Ort, an dem hererosprachige Namibier in diesem Jahr des Krieges und des Völkermordes gedenken werden, ist Ozombuzovindimba, gelegen in der Omaheke-Wüste. Dort erließ General von Trotha den so genannten. „Vernichtungsbefehl“ gegen die Herero; Hendrik Witbooi beschloss tags darauf, in den Krieg gegen die Deutschen einzutreten, und ließ gut ein Jahr später im Kampf gegen die Kolonialmacht sein Leben. Es bleibt zu hoffen, dass damit auch die Nama endlich ins Blickfeld der kollektiven Erinnerung rücken und dass 2004 schließlich zu einem kollektiven Gedenkjahr wird – für das sich die namibische Regierung vermutlich auch stärker engagieren würde als für ein Gedenkjahr, das allein von einer ethnischen Gruppe Namibias getragen wird. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass am Ohamakari Day nur eine sehr kleine Zahl deutscher Namibier die Chance zur Verständigung über die gemeinsame Geschichte nutzte. Vor allem diejenigen, die durch das letztjährige Verbot des Waterberg-Gedenkens betroffen waren, haben diese Chance offenbar rundweg ausgeschlagen. Die Autorin ist eine der Kuratorinnen der Ausstellung „Namibia – Deutschland: eine geteilte Geschichte. Widerstand, Gewalt, Erinnerung“ am Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Völkerkunder der Universität Köln. Konferenzhinweis: |
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