Nr.5-2004

Wachstum ohne Arbeit

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Botswana kann seit der Unabhängigkeit eindrucksvolle Wachstumsraten vorweisen. Doch dieses Wachstum ist allein einem Sektor geschuldet, der Diamantenproduktion. Die Einnahmen der Regierung speisen sich vornehmlich aus deren Erlösen. Diese einseitige Abhängigkeit birgt Gefahren. Aus diesem Grund muss die Wirtschaft dringlich diversifiziert werden. Und noch aus einem anderen: Der Diamantenbergbau kommt mit wenigen Arbeitskräften aus. Das Wirtschaftswachstum hat bisher nicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beigetragen.

Hein Möllers

Botswana ist das reichste Land Afrikas, wenn man die Einkommen pro Kopf vergleicht. In der Kalahari im Zentrum des Landes liegen die ertragreichsten Diamantenminen der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen der anderthalb Millionen Menschen liegt über 3000 US$, rechnet man die Kaufkraft, sind es 8.170 US$ - weit mehr als in Südafrika. Die Wirtschaft brummt nach Einbrüchen Anfang der 1990er Jahre wieder. Sie wächst jährlich durchschnittlich um sieben Prozent. Seit über 15 Jahren verzeichnet der Staatshaushalt einen Überschuss. Schuldenkrise in Afrika?

Nicht in Botswana. Devisenmangel ist ebenso unbekannt. Schulen und Kliniken funktionieren, moderne Telekommunikation und ausgezeichnete Straßen erleichtern den Geschäftsverkehr. Botswana ist bisher das einzige Land, das vom Status eines „am wenigsten entwickelten Landes„ (LDC) ins untere Drittel der Kategorie der Länder mit mittlerem Einkommen aufgestiegen ist.

Unauffällig effizient
Als Botswana 1966 unabhängig wurde, gab es acht Kilometer Asphaltstraßen. Heute gibt es 6.000 Kilometer guter Straßen. Früher gab es nur drei weiterführende Schulen, heute über dreihundert. Der Staat kommt neun Jahre für die Schulbildung auf. Wo heute die Hauptstadt Gaborone steht, gab es nur eine kleine Bahnstation. Jetzt ragen über den 200.000 Einwohnern Hochhäuser in den Himmel, auf breiten Straßen strömt der Verkehr.
Auch auf dem Lande hat jeder Einwohner Zugang zu sauberem Trinkwasser. Staatliche Institutionen funktionieren. Der Rohstoffreichtum wird gezielt eingesetzt. Es gibt keine überbordende Korruption. Die Organisation Transparency International hat Botswana auf Platz 24 gesetzt, der beste Wert aller afrikanischer Staaten, besser auch als Italien, Portugal oder Griechenland.

Die Regierung garantiert jedem Kind eine kostenlose Grundschulbildung (die mittlerweile allerdings gesetzlich infrage gestellt wird), jedem Bürger freie Gesundheitsversorgung (gegen eine Grundgebühr von 2 Pula; ca. 0,3 €) und den Ärmsten Sozialhilfe.
In den letzten vierzig Jahren hat sich die botswanische Wirtschaft von einer vorwiegend agrarischen zu einer gemischten entwickelt. Industrie und Dienstleistungssektor stellen heute mehr als die Hälfte der formellen Arbeitsplätze. Diese Verschiebung zeigt eine Vertiefung der kapitalistischen Wirtschaft mit Verbindungen in die verschiedenen Sektoren, vor allem Rindfleisch- und Diamantenindustrie.

Botswanas Erfolgsrezept ging bisher offenbar auf: politisch unauffällig, wirtschaftlich effizient.

Strukturprobleme
Dabei verstecken sich hinter den glänzenden Wachstumsraten, hinter der betulichen Demokratie und dem geregelten Alltag erhebliche Probleme. Nur in wenigen anderen Ländern ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Botswana. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, vornehmlich auf dem Land. Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verfügen über 70 Prozent des landesweiten Einkommens. Offiziell ist jeder vierte ohne Arbeit. In Wirklichkeit haben über 40 Prozent keine regelmäßigen Einkünfte. In einem Land, in dem ein Mann seinen Reichtum noch an der Zahl seiner Kühe misst, haben fast die Hälfte aller Familien kein Vieh mehr.

Botswanas beeindruckendes Wirtschaftswachstum hat im vergangenen Jahrzehnt keine Arbeitsplätze geschaffen. Die Expansion wurde vom hoch mechanisierten Bergbau vorangetrieben, die Fleischindustrie schrumpfte aufgrund von Dürren und Seuchen.
Die florierende Diamantenindustrie beschäftigt nur 6.000 Menschen. Es gelang der Regierung zwar, mit Steuersätzen von 15 bis 25 Prozent einige Firmen anzulocken und den Diamantenanteil von der Hälfte auf ein gutes Drittel des BIP zu senken, aber die Bevölkerung wächst schneller als das Angebot an Jobs. Lange Zeit haben viele als Wanderarbeiter in Südafrika ihr Auskommen gefunden. Aber die Belegschaften in den dortigen Bergwerken wurden im letzten Jahrzehnt halbiert.

Die ökonomischen Strukturprobleme können über den Bergbau nicht behoben werden. Ihr hoher wirtschaftlicher Stellenwert ist nicht unproblematisch. Sogar der Sprecher des Bergbaukonzerns Debswana räumt ein, dass die Abhängigkeit von den Edelsteinen „sehr riskant“ sei. „Die Gruben haben Reserven für hundert Jahre“, sagt Jacob Sesinyi. „Aber alles hängt vom Markt ab.“ Doch die Preise für die Diamanten werden trotz des noch bestehenden Monopols immer unzuverlässiger.

Botswana kommt mit seinen attraktiven Gegenden, dem Okavango-Delta und den Makgadikgadi-Salzseen, zwar langsam ins Tourismusgeschäft, eine verarbeitende Industrie hat sich aber bisher kaum entwickelt. Vor vier Jahren ist die Hunday-Autoproduktion, die mit großen Erwartungen und ersten Erfolgen gestartet war, Pleite gegangen. Dabei verloren nicht nur alle Beschäftigten ihren Job und zahlreiche Zulieferbetriebe ihre Existenz, auch der Staat blieb auf etwa 50 Mio. US$ für Kreditbürgschaften sitzen. Die Landwirtschaft wiederum hat sich nach einer verheerenden Rinderpest zwar wieder erholt, kann aber noch nicht so viel Fleisch exportieren, wie es von der EU gewährte Vorzugsquoten zulassen würden.

Das Ergebnis ist eine wachsende Arbeitslosigkeit, vor allem unter der Jugend. Offiziell liegt die Rate unter dieser Altersgruppe bei 30 Prozent. Dabei fallen jedoch viele, die als „Beschäftigte“ registriert sind, in die Kategorie „Landwirtschaft“, ein Sammelbegriff, der das wahre Ausmaß der Arbeitslosigkeit verschleiert.

Diversifizierung überfällig
Deshalb wird seit langem eine Diversifizierung der Wirtschaft für dringend geboten gehalten. Die Fünfjahrespläne seit 1992 mahnen in schöner Regelmäßigkeit Programme und Maßnahmen an. Sie seien längst überfällig, meint der Gouverneur der Notenbank Linah Moholo, nicht nur um die Marktanfälligkeit abzufedern, sondern vor allem, „um Arbeitsplätze zu schaffen, da der kapitalintensive Bergbau kaum einen Beitrag zur Beschäftigung leistet.“

Ansätze hat es erst in den letzten sechs, sieben Jahren gegeben. Heimischem wie ausländischem Kapital wurden immer wieder Anreize für Unternehmensgründungen und Investitionen geboten. Mit mäßigem Erfolg. Die heimische Geschäftswelt spielt bisher in der botswanischen Wirtschaft kaum eine Rolle. Vor zwanzig Jahren hatte die Regierung versucht, durch eine Financial Assistance Policy (FAP) heimischen Unternehmen Firmengründungen zu erleichtern. Die Neugründungen hielten aber nur solange durch, wie die Zuschüsse flossen. Die Betriebe blieben von Staatsgeldern abhängig, was in vielen Fällen auch Subventionsbetrug Vorschub leistete. Das Programm wurde im Jahre 2000 zu den Akten gelegt.

An seine Stelle trat die Citizen Entrepreneurial Development Agency (Ceda). Sie stellte potenziellen Unternehmern verbilligte Kredite zur Verfügung. Ferner wollte Ceda eine Unternehmerkultur in Botswana entwickeln helfen. Denn die Daten haben gezeigt, dass 80 Prozent der Unternehmen innerhalb von fünf Jahren ihre Tätigkeiten wieder einstellen, weil es an Vermarktungs- und Managerfähigkeiten mangelt.

Um ausländisches Kapital ins Land zu holen, hat die Regierung 1998 die Botswana Export Development and Investment Authority (Bedia) ins Leben gerufen. Bedia identifizierte als Haupthindernisse für ausländische Investitionen in den Nicht-Montansektor: Hohe Betriebskosten - z.B. bei Wasser -, Mangel an Fachkräften und niedrige Produktivität sowie hohe Transportkosten zu den Märkten. Die Behörde erstellte dann eine Liste von Sektoren, auf die sich Investitionsanreize konzentrieren sollten: Textil und Garne, Leder, Juwelenverarbeitung, Glas und Informationstechnologie. Eine eigene Zentralstelle für ausländische Investoren wurde geschaffen, die Aufenthaltsfragen, Arbeitserlaubnisse usw. klären soll.

Der Erfolg ist jedoch bescheiden, vor allem im verarbeitenden Gewerbe. Ausländische Investoren hielten sich zurück. Und in fünf Jahren wurden weniger als 2.000 Arbeitsplätze geschaffen. Nun konzentriert sich Bedia auf den Dienstleistungssektor, der mittlerweile auch höhere Aufmerksamkeit bei der Regierung gefunden hat.

Diese setzt nun verstärkt auf Tourismusförderung. Diese zielt in erster Linie auf zahlungskräftige Kunden ab. Denn für eine Massentourismus ist die Natur des Landes viel zu fragil. Im Norden fließt der Sambesi, der die Grenze zu Namibia und Sambia bildet. Weiter südwestlich liegt das Okavango-Delta. Dort gibt es einzigartige Natur- und Tierparadiese, aus denen Botswana mehr Kapital schlagen will. Großzügig angelegte Luxus-Lodges sollen vor allem betuchte Touristen locken.

Auch dem bisher vernachlässigten Agrarsektor verspricht die Regierung vermehrte Zuwendung. Im trockenen Landesinneren plant die Regierung den teuren Bau von vier Wasserdämmen, um die Landwirtschaft zu fördern. Bis heute ist das Land auf den Import nahezu aller Nahrungsmittel aus dem Nachbarland Südafrika angewiesen. Der halbstaatliche Diamantenkonzern Debswana hat gerade umgerechnet zwei Mio. € in eine neue Baumwollfarm gesteckt. Sie soll der Ausbildung von Landwirten und dem Aufbau einer landeseigenen Textilindustrie dienen.

Politik der ruhigen Hand
Vielleicht nehmen die Diversifizierungsanstrengungen ja langsam Fahrt auf. Insgesamt aber wurde bisher zu wenig getan und das Wenige zu nachlässig angegangen.

„Die Regierung geht die Verwirklichung ihrer Pläne sehr langsam an“, warnt Abdalla Gergis vom Institut für Entwicklungspolitik in Gaborone. Die Politik mag sich als sehr zuverlässig erwiesen haben, doch durch große Dynamik hat sie sich nicht ausgezeichnet. „Erst in den letzten Jahren werden Wirtschaftsvorhaben außerhalb des Bergbaus ernster angegangen.“

Härter geht Larry Swatuk, Verwaltungswissenschaftler an der Universität Gaborone, mit den Plänen der Regierung ins Gericht: „Tatsache ist, dass die Vorstellungen der Regierung von der Zukunft sich auf ‚dasselbe nur mehr’ beschränkt, nachzulesen in der Regierungspublikation Vision 2016: Diamanten, Rinder, durchmischt mit Kleingewerbe und der Hoffnung, dass der Tourismus die Flaute überwindet. Leider ist die Vision sehr kurzsichtig und bietet nicht einmal einen Ansatz, sich den drängenden Problemen Botswanas zuzuwenden.“

Jan Isaksen vom Institut für Entwicklungsanalyse zufolge ist auch ein mangelnder Druck von unten dafür verantwortlich, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht mit der nötigen Dringlichkeit angepackt wird. „Die Infrastruktur wird ausgebaut“, räumt Isaksen ein. „Aber oft nicht aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen, sondern um politische Ziele zu verfolgen.“

So wird als Wahlgeschenk zwischen zwei abgelegenen Dörfern eine Straße geteert, obwohl die rapide Landflucht bedeutet, dass beide Ortschaften in wenigen Jahren entvölkert sein werden. Lob: Sie haben die Korruption zum größten Teil verhindert, haben den Diamantenreichtum nicht einfach zum Fenster hinausgeworfen, sondern bemühen sich, das Land nachhaltig zu entwickeln.“

Auch die Politologin Gloria Somolekae von der Universität Gaborone bescheinigt der Regierung eine verlässliche Politik: „Im Gegensatz zu vielen afrikanischen Machthabern sind sie ideologisch nicht verbohrt und reagieren sogar auf öffentlichen Druck.“

Die Regierung wendet ein: Wir sind gar nicht so reich, wie es scheint. Eine Infrastruktur in einem so großen und dünnbesiedelten Raum zu entwickeln und zu unterhalten, sei aufwendig und kostspielig. Eine neue Straße kostet Milliarden, ob sie für 1,5 oder für 15 Milliarden gebaut wird.“ Der Aufbau neuer Industrie sei ebenso aufwendig. Und obwohl die Mehrheit der Kinder zur Schule geht, entspreche die Ausbildung nicht den neuen Anforderungen. „Die Industrie braucht technisch gebildete Leute, braucht Ingenieure und Wissenschaftler“, sagt Lekoma Mathibatsela, Staatssekretär für Entwicklung. „Wir modernisieren derzeit das Bildungssystem, um das zu berücksichtigen.“

Hoffnung setzt Botswana in die regionale Integration. Die Öffnung der Grenzen für freien Verkehr und die Harmonisierung der Wirtschaftspolitik der Staaten der regionalen Entwicklungsgemeinschaft SADC könnten den Standort Botswana aufwerten.


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