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Nr.5-2004 |
Musik und Lieder hatten schon im antikolonialen Widerstandskampf der simbabwischen Befreiungsbewegung große Bedeutung. Seit es eng für das Mugabe-Regime wurde, erinnert es sich dieser Tradition. Heute versucht die Regierung die Krise im Land unter einer Flut von Propaganda zu verstecken. Dazu instrumentalisiert sie alte und neue Widerstandslieder - und verbietet kritische Stücke. Maxwell Sibanda |
Musik hat in Simbabwe einen besonderen Platz in der politischen Geschichte. Während der Kolonialzeit komponierten Musiker Lieder, die die Bevölkerung an die Notwendigkeit erinnerte, sich selbst aus der Unterdrückung zu befreien. Die meisten dieser Lieder wurden von der Kolonialregierung verboten, weil sie als aufrührerisch galten. Während des bitteren vierzehn Jahre andauernden Krieges gegen das Regime von Ian Douglas Smith richtete die Zanu-PF ihr eigenes Piratenradio ein. Von Mosambik aus sendete Voice of Zimbabwe militante Lieder von Parteichören, um ihre Kämpfer und Unterstützer anzufeuern. So wurde Musik zum zentralen Bestandteil für die Kriegsstrategie des Widerstandes. Nach der Unabhängigkeit 1980 sind einige dieser Zanu-PF-Chöre weiterhin aufgetreten und haben Plattenaufnahmen gemacht. Mit der zunehmenden Konkurrenz durch unabhängige Musiker verschwanden sie jedoch allmählich. Einige Jahre später sah sich die Regierung selbst unterschiedlichen Musikern gegenüber, die ihre schlechte Politik in populären Liedern kritisierten. Als Reaktion darauf griff die Regierung auf ihre eigenen Strategien aus den 70er Jahren zurück. Damals vermochte die Zanu-PF über die Ausstrahlung von gezielter Musik ihre politischen Ziele erfolgreich zu verkaufen und die Moral in ihrem Sinne hoch zu halten. Entsprechend verbot die Regierung nun alle kritischen Lieder, die sich gegen ihre Politik, gegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Machtmissbrauch richteten. Sie wurden aus den Radiowellen verbannt, um Platz für die „wahren Lieder“ zu machen. Im nächsten Schritt nahm die Regierung ihre eigenen Propagandalieder auf, um das verbotene Liedgut zu ersetzen. Bis jetzt haben sich sogar zwei Minister höchst persönlich an Aufnahmen beteiligt. Der Informationsminister Jonathan Moyo, direkt zuständig für Radio und Fernsehen, ließ vier Alben aufnehmen, zwei davon sogar Doppelalben. Auf dem 2000 erschienenen ersten Album ließ Moyo, damals noch Leiter der Medienkomitees der von der Regierung eingesetzten Verfassungskommission, bekannte Musiker zusammenkommen, um für die Verabschiedung einer neuen Verfassung für Simbabwe zu werben, die der Regierung mehr Macht gegeben hätte. Die Mühe war freilich vergebens, weil die Bürger die Verfassung in einem Referendum ablehnten. 2001 wurde erneut ein Album mit 18 Titeln unter dem Namen „Hondo Yeminda - 3rd Chimurenga“ („Krieg um Land – dritter Kampf“) produziert. Die Musiker, unter ihnen die Kriegsveteranen Dick Chingaira und Marko Sibanda, warben für die umstrittene Landreform der Mugabe-Regierung. Zur Vorstellungsparty im Harare-Hotel waren Kabinettsmitglieder und Funktionäre aus Armee, Polizei und Partei gekommen. 2003 koordinierte Moyo die Aufnahme des Albums „Come to Victoria Falls Down in Simbabwe“, um die gewaltigen Viktoria-Fälle als touristische Hauptattraktion in Afrika zu vermarkten. 2004 folgte das Doppelalbum „PaxAfro“ mit 26 Titeln zum Thema der afrikanischen Einheit. Als Minister für Jugend und Arbeitsplätze zeichnete Elliot Manyika 2001 für die Zusammenstellung des Albums Mwana Wevhu („Sohn der Erde“) verantwortlich. Er persönlich steuerte ein Loblied auf Präsident Robert Mugabe zu dem Album bei. Die Regierung beauftragte auch andere Musiker mit der Produktion von Musikalben, die ihren politischen Zielen entsprachen. Darunter zählen die Air Force of Zimbabwe Band, Peter Majoni, Last Tambaoga, Simon Chimbetu und Andy Brown. Diese Alben bekamen ausgiebige Sendezeit zugesprochen, was andere Künstler dazu veranlasste, auch ohne Auftrag Lieder zu schreiben, die den politischen Machthabern gefielen, um selbst Sendezeit zu bekommen. Neben der Produktion von Alben gab die Regierung eine Reihe Chave Chimurenga genannten Werbe-Jingles heraus. Im September 2004 gab es neun solcher Werbespots. Um Sendezeit für ihre neue Propaganda zu erhalten, hatte die Regierung zuvor zahlreiche Werbeverträge mit Privatfirmen gekündigt. Nun besetzen die Propaganda-Jingles dies besten Sendezeiten und sind in allen vier Radiosendern und dem einzigen Fernsehkanal vor und nach den stündlichen Nachrichten zu hören. Viele Zuhörer sind eher irritiert von der Allgegenwärtigkeit dieser Jingles, die sie ständig dem Thema der Landfrage aussetzen. Musik unter Zensur Auch DJs sind seit 2001 gezwungenermaßen Teil der Propagandamaschine: Sie mussten ihr Programm laut Gesetz zunächst zu 75 Prozent, mittlerweile vollständig aus simbabwischen Liedern zusammenstellen. 100 Prozent simbabwische Musik heißt in diesem Sinne 100 Prozent Zanu-PF-Regierungsmusik. Alternative Stimmen aus dem In- und Ausland sind somit tabu geworden. Viele populäre DJs haben daraufhin gekündigt. Die staatlichen Musikproduktionen propagieren nicht nur die staatliche Politik, sie schließen Oppositionsparteien auch von den elektronischen Medien aus. Bei genauerem Hinsehen ist die Kampagne sogar auf deren Diskreditierung angelegt. Die Beteiligung der Musikkapellen von Polizei und Luftwaffe sendet ein falsches Signal an die Mitglieder der staatlichen Sicherheitskräfte. Eigentlich als neutrale staatliche Organe angelegt, nehmen sie Partei für die Regierungspartei, indem sie deren Propaganda-Kompositionen spielen. Andererseits hatte die Kooperation mit der Regierung nicht nur Vorteile für die beteiligten Musiker: Ihre übermäßige Präsenz in den Medien machte sie zu leichten Zielen in städtischen Gebieten, die mehrheitlich die Opposition unterstützen. Viele dieser Musiker wurden tätlich angegriffen, weil sie auf ihren Konzerten die korrupte Politik stützen und bewerben. Einige sind aus ihren Häusern gejagt worden, während andere bei Auftritten dem Spott ihrer Zuschauer ausgeliefert waren. Manch ein Musiker musste zum Schutz Bodyguards anheuern. Einige der beliebten Auftrittsorte in Harare weigern sich zudem, Buchungen von ihnen entgegen zu nehmen, so dass sie in der Hauptstadt an zweitklassigen Orten spielen müssen. Viele der simbabwischen Radiomoderatoren sind ins Ausland geflohen und arbeiten dort bei Piratensendern wie SW Radio Africa oder Voice of the People, die ihr Programm aus London oder den Niederlanden über Kurzwelle senden. Die Moderatoren spielen die Lieder von den schwarzen Listen und haben dafür Landesverbot auf Lebenszeit erhalten. Während die Regierung alle Anstrengungen unternimmt, um die Türen der Freiheit dicht verschlossen zu halten, schallen die verbotenen Lieder durch Omnibusse, private Autos und dicht bevölkerten Stadtviertel, weil die Menschen sich mit der klaren Sprache der verfemten Lieder identifizieren. Die verbotene Musik wird auf den Straßen und Märkten verkauft. Radio und Fernsehen werden wegen der Propagandasendungen kaum noch angeschaltet. Um den Durst nach Kunst zu stillen, weichen die Menschen auf Musik- und Theaterperformances sowie Videobänder aus. Auf dem Lande, wo 70 Prozent der Bevölkerung Simbabwes leben, sind die Menschen auf das staatlich kontrollierte Radio und Fernsehen angewiesen. Die Propaganda-Musik wird dort zur Doktrin und beeinflusst die Weltbilder der Menschen. Verstärkend kommt hinzu, dass alle Programme lokale Produktionen verwenden müssen. Das Ergebnis ist ein international isoliertes Simbabwe, dass nur auf seine eigenen düsteren Klänge hört. Eine zutiefst verängstigte Regierung versucht das Land in seinem eigenen Kokon zu verstecken und malt ihre Bilder von allgegenwärtigen geheimen Verschwörungen. Daher rührt ihr Bedürfnis für eine „Gute-Laune-Kunst“, in welchem Radio und Fernsehen von der Dramaturgie der Werbejingles widerhallen, in denen die Regierungspolitik Lobpreisungen erhält. Der Autor war von 1999 bis 2003 Kulturredakteur der „Daily
News“ und hält sich derzeit als Gast der „Hamburger Stiftung
für politisch Verfolgte“ in Deutschland auf. |
Die Fachzeitschrift afrika süd,
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