Nr.6-2004

Erinnert und vergessen?

© issa

Hein Möllers

Das Jahr geht zu Ende; kein beliebiges, was die deutschen Beziehungen zu Namibia betrifft. Das Gedenken an 1904 stand an, an den Völkermord an den Herero vor hundert Jahren. Angestoßen wurde in diesem Jahr manches; in trockenen Tüchern jedoch – wie eine gängige Redewendung lautet – ist noch nichts.

Dabei war die Rede der Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul im August am Waterberg mehr, als man erwarten konnte nach der beschämenden Bundestagsresolution von Mai oder dem Diktum von Außenminister Fischer, es werde keine „entschädigungsrelevante Entschuldigung“ geben.

Überraschend aber auch das große Interesse, auf das das Gedenkjahr mit zahlreichen Veranstaltungen in der deutschen Öffentlichkeit stieß. Überraschend, wenn man weiß, wie gering über Jahrzehnte hinweg das Interesse an Namibia selbst in der Solidaritätsbewegung gewesen ist.

Im November 1976 hatte der SPD-Politiker Egon Bahr gewarnt: „Nun geht es zum ersten Mal um die Dekolonisation eines Gebietes, bei dem deutsche Emotionen hochkommen. Nichts, was wir bisher auf dem Gebiete der Dekolonisierung erlebt haben, wird soviel Aufruhr machen wie Namibia. Vietnam wird dagegen nichts sein.“ Es kamen keine Emotionen hoch, weder 1978, als südafrikanische Kommandos Flüchtlinge im Lager Cassinga zusammenschossen, noch 1981, als Südafrika Verhandlungen um eine international kontrollierte Unabhängigkeit ins Leere laufen ließ. Auf dem Evangelischen Kirchentag 1985 waren Vertreter aus Südafrika und Namibia aufs Podium geladen. Die Südafrikaner redeten und wurden gefragt. Nach der Diskussion wurde „unser Bruder aus Namibia“ aufgefordert, das Abschlussgebet zu sprechen. Da half kein beten. Auch der Unabhängigkeitsprozess 1989/90 selbst gewann nur wenig Aufmerksamkeit in der damals westdeutschen Öffentlichkeit.

Und dann das Gedenkjahr 2004, das erstmals auch auf der bundesrepublikanischen politischen Bühne Bewegung brachte. Mit der Rede der Ministerin wurde erstmals etwas konkreter benannt, woraus sich denn die „besondere Verantwortung“ Deutschlands ableitet. Es war zweifelsohne ein wichtiger – wenn auch überfälliger – Schritt. Über den Tag hinaus hat die Rede in der Öffentlichkeit jedoch wenig Diskussion und Auseinandersetzung in Gang gebracht. Wo sie geführt wurde, blieb sie weitgehend den Kriegsereignissen und -abläufen verhaftet, während der Blick auf andere Aspekte des kolonialen Alltags, auf die bürokratische Unterdrückungsmaschinerie mit Folgen auch für die jüngste deutsche Geschichte, weitgehend ausgeklammert wurde.

Auf den Vorhalt der Botschaft der Republik Namibia in Berlin, der Entschuldigung der Entwicklungsministerin fehlten bestätigende Antworten des Kanzlers oder zumindest des Außenministeriums, hat die Regierung bisher keine Antwort gegeben. So bleibt der Eindruck, dass die entwicklungspolitische Zusammenarbeit Deutschlands mit Namibia weiter dafür herhalten soll, die Lasten der Vergangenheit abzuwerfen.

Es scheint: Das Kapitel ist abgehakt. Von „besonderen Beziehungen“ Deutschlands zu Namibia ist ständig die Rede, damals wie heute. Janntje Böhlke-Itzen spricht in ihrem Buch „Kolonialschuld und Entschädigung“* von einer Kontinuität deutscher Wahrnehmung: „Der Blick auf die ehemalige Kolonie ist häufig immer noch geprägt von einer gönnerhaften patriarchalen Attitüde und frei vom Wissen um die Schuld der Deutschen in diesem Land.“ Diese Kontinuität zu brechen, braucht es mehr öffentlichen Druck.

* Janntje Böhlke-Itzen; Kolonialschuld und Entschädigung. Der deutsche Völkermord an den Herero 1904-1907. Perspektiven Südliches Afrika 2. Frankfurt/M 2004 (Brandes&Apsel).


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