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Nr.6-2005 |
Über fünf Millionen Menschen sind in Südafrika HIV-positiv. 600.000 benötigen dringlich eine Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten. Doch den meisten fehlt der Zugang und öffentliche Gesundheitseinrichtungen sind überfordert. Ohne ein Engagement von Betroffenen bewegt sich wenig. Renate Of |
Sibongile Motalingoana verdiente ihr Geld in Johannesburg. Während sie arbeitete, versorgte die Großmutter das Baby. Doch als die junge Frau sehr schwach wurde, verlor sie ihre Arbeit. Als die Alleinerziehende ins Dorf zurückkehrte, wurde auch ihr Baby sehr krank. Es starb mit acht Monaten an Aids. Der Vater des Kindes erlag schon vor der Geburt der Immunschwächekrankheit. Sibongile Motalingoana hörte von dem Aids-Programm der Moravian Church in Matatiele, einem kleinen Städtchen unweit der Grenze zum Königreich Lesotho. Dort ließ sich die 26-Jährige einen Termin bei Zoliswa Magwentshu geben, einer Krankenschwester, die als Aids-Koordinatorin bei der Moravian Church angestellt ist. Masangane („Umarmen“) heißt das Aids-Programm. Sibongiles Aids-Test fiel positiv aus, ihre Helferzellen waren auf zwei abgesunken. Niemand hatte geglaubt, dass die antiretroviralen Medikamente (ARVs) noch helfen könnten.
„Mein CD-4 Wert ist 584“, antwortet Sibongile auf die Frage, wie es ihr geht. Attraktiv sieht die junge Frau mit ihrem Kurzhaarschnitt, dem gestreiften T-Shirt und der schwarzen Hose aus. Keine Spur mehr von ihrem langen Leiden. Seit einem Jahr nimmt sie die lebensrettenden ARVs. Auch Zoliswa Magwenthsu hatte Aids, auch sie hatte mit ihrem Leben abgeschlossen und Kinder und Verwandte für ein letztes Beisammensein im Sommer 2002 ans Sterbebett gebeten. In letzter Minute bekam sie Zugang zu den Aids-Medikamenten. Sie erinnert sich noch genau: „Innerhalb einer Woche hatte ich wieder Appetit. Ich wurde stärker als jemals zuvor in meinem Leben.“ Und die Mutter von fünf Kindern spürte einen Auftrag: Sie wollte ihre ganze Energie einsetzen und Aids-kranke Menschen bei der medikamentösen Therapie begleiten. Denn ohne das Know-how von erfahrenen Menschen ist es nicht ratsam, mit der ARV-Therapie anzufangen. Die ARVs müssen regelmäßig und lebenslänglich genommen werden. Leider kommt es immer wieder vor, dass Menschen ihre Therapie absetzen, sobald es ihnen besser geht. Und wenn zu viel Alkohol im Spiel ist, wird die Einnahme vernachlässigt. Die 36-jährige Numbukelo hat ihre Medikamente schon mehrmals weggelassen, weil sie zu viel Alkohol getrunken hatte. Die Folgen sind fatal: Abgemagert liegt sie in der Hütte ihrer Schwester und wird von ihrer Mutter gepflegt. Sie hustet und leidet unter Soor, ihre Lippen sind vom Pilz zerfressen, sie kann nichts mehr essen. Und wenn sie trotzdem versucht, einen Bissen runterzuschlucken, wird sie von einem ätzenden Husten gequält und spuckt alles wieder aus. Gegen den Soor bekommt sie Medikamente, doch ob sie sich nochmals erholen wird, ist fraglich. Ihre Tochter schaut sie verträumt an. Sibongile legt liebevoll ihren Arm um den zerbrechlichen Körper. Numbukelo lächelt und wirft einen Blick auf ihr Handy, das sie kaum mehr in ihren knochigen Händen halten kann. Zugang zur ARV-Therapie Die Treatment Action Campaign (TAC), die seit Jahren die südafrikanische Regierung in die Pflicht nimmt, Behandlung für Aidskranke flächendeckend und kostengünstig anzubieten, veröffentlichte in einem Rundbrief Ende Oktober einen Bericht der „AIDS Social Research Unit“ der Universität Kapstadt. Dort wird festgestellt, dass unter den 150.000 Menschen in Südafrika, die derzeit eine ARV-Therapie erhalten, gerade einmal 60.000 über öffentliche Gesundheitseinrichtungen Zugang haben. Im Aids-Programm der Moravian Church in Matatiele, zu der noch zwei Außenstellen
zählen, erhalten derzeit 101 Menschen ARVs. „Ein Tropfen auf
den heißen Stein, doch wir geben nicht auf“, meint Eagle Mzuvelile
Ndabambi, Bischof der Kirche in Matatiele, und fährt fort: „Aids
ist unser größter Feind, vielleicht noch schlimmer als damals
die Apartheid.“ Aber während die Welt in den 80ern und 90ern
gegen die gesetzlich verankerte Rassentrennung zu zahlreichen Aktionen
aufrief, schweige sie heute weitgehend zu Aids. In einem knapp 20 qm großen Büro, das sie günstig von einem niedergelassenen Arzt anmieten konnte, führt Zoliswa Workshops durch, klärt über Infektionswege, Vorbeugung und Behandlung auf. Und sie bildet Betroffene aus, die dann als Freiwillige Kranke besuchen und Aufklärungsarbeit zum Beispiel in Kliniken leisten. Sie fordert die Menschen auf, über ihre Infektion zu reden, und zwar offen und selbstbewusst. „Wir müssen nicht wie Aussätzige leben“, ist ihre Devise und mahnt, sich testen zu lassen. „Die Erkenntnis, HIV-positiv zu sein, mag ein Schock sein. Aber der einzige Weg weiterzuleben. Und eure Familien und Kinder vor Ansteckung zu schützen.“ Doch wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Arzt Tsepangi Nakin. Er behandelt die Aidspatienten kostenlos, nur die Medikamente müssen bezahlt werden. In einem Container hinter der Praxis werden Aids-Tests und Einzelberatungen vor und nach dem Test durchgeführt. Die Hälfte der Patientinnen und Patienten, die Nakin aufsuchen, sind HIV-positiv, und fast alle sind arbeitslos. Aidskranke ohne Arbeit bekommen einen staatlichen Zuschuss von umgerechnet 90 Euro im Monat. Teuer zu Buche schlagen die Transportkosten. Wenn Numbukelo zum Beispiel als Notfall in eine Klinik nachts eingeliefert werden muss, verlangen Taxifahrer bis zu 50 Euro. Und wenn sie zur Sprechstunde in eine Klinik geht, muss sie sich in ihrem Zustand in verschiedene Sammeltaxis zwängen und braucht Begleitung. Nicht selten kommt es vor, dass Schwerkranke dann einen Tag im Wartesaal verbringen, um dann zu erfahren, dass sie aus zeitlichen Gründen nicht mehr behandelt werden können. Deshalb ist es der Krankenschwester Zoliswa auch wichtig, dass Mitglieder ihrer Gruppe wissen, wie es anderen geht. Mittwochs ist Treffpunkt für die Selbsthilfegruppe, dann werden Informationen ausgetauscht, und es können Fragen gestellt werden. Manche bringen ihre Perlenarbeiten mit und produzieren gemeinsam schmuckvolle Anhänger für Märkte. Den Arzt Nakin ärgert es, dass sich viele Aidskranke mit dem staatlichen Zuschuss gleich ein Handy kaufen. Zoliswa schmunzelt und meint: „Dafür kann ich viele telefonisch erreichen und bitten, bei einem Notfall weit ab von unserem Büro schnell vorbeizuschauen und uns eine Rückmeldung zu geben“. Manchmal holt sich Zoliswa bei TAC-Referenten, die sie bei Workshops unterstützen, Rat. Und als Zeichen der Solidarität trägt sie fast ausschließlich die von TAC entworfenen HIV-Positiv-T-Shirts. In Kliniken herrscht an vielem Mangel Voraussetzung ist allerdings, dass die Menschen wissen, wie sie ihre Medikamente einnehmen und was bei Nebenwirkungen zu berücksichtigen ist. Doch in Kliniken muss dringend mehr Personal eingestellt werden. Und es fehlt an angemessenen Räumlichkeiten, an Apparaten und Medikamenten. Deshalb fordert TAC, dass die Regierung einen nationalen Ressourcenplan im Gesundheitsbereich entwickelt. Zu wenig Personal und ineffiziente Management- und Verwaltungssysteme sind die Hauptgründe, warum bisher nicht mehr Menschen Behandlung erhalten können. Hinzu kommt, dass immer mehr Krankenschwestern aus Südafrika von Industrieländern abgeworben werden. Damit lastet zu viel auf den Schultern derjenigen, die mit enormem Engagement Leben retten. Zoliswa Magwentshu gönnt sich kaum eine Auszeit: „Du kannst keine Pause einlegen, während die Menschen sterben“. Die Arbeit der Treatment Action Campaign und des Masangane-Projekts
werden von „Brot für die Welt“ finanziell unterstützt. |
Die Fachzeitschrift afrika süd,
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