Nr.6-2005

Korruptionsförderung in Afrika mit deutschen Steuergeldern?

© issa

Seltsames Gebaren in einem Versöhnungsprojekt des DED in Namibia führt zur vorzeitigen Kündigung einer Entwicklungshelferin

Bettina Maritz

Jede deutsche Organisation, die sich in Afrika engagiert, kommt früher oder später mit dem Grundübel der Korruption in Berührung. Die Frage ist, wie sie dann reagiert: Sie kann entweder die Augen verschließen oder aber Schritte unternehmen, die die Neigung zu künftigen ähnlichen Handlungen empfindlich dämpfen und damit zugleich die Gemeinschaft, in der das geschieht, beeinflussen.

Die Verhaltensweise des Landesdirektors des Deuteschen Entwicklungsdienstes (DED) in Namibia und einer Vertreterin der Botschaft in Windhoek, die als deutsche Mitglieder des Aufsichtsgremiums (Steering Committee) eines DED-Projekts n i c h t einschritten, als ein einheimischer Mitarbeiter Projekteigentum zu seinem privaten Nutzen und zum Schaden des Projekts missbrauchte, wirft Fragen auf. Die Entwicklungshelferin im Projekt, dem Kultur- und Tourismuszentrum in Okakarara, fand die Passivität des DED-Vertreters dermaßen inakzeptabel, dass sie ihren Vertrag mit dem DED kurzfristig kündigte.

Das Kulturzentrum von Okakarara, einer Ortschaft 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Windhoek, zählt zu den bekanntesten deutschen Projekten in Namibia. Von der Bühne dieses Zentrums hielt Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im August 2004 vor mehreren Tausend Zuhörern ihre viel beachtete Entschuldigungsrede zum deutschen Völkermord an den Herero vor 100 Jahren. In Namibia war das ein historisches Ereignis, ganz besonders für die Herero.

Der DED versucht, die konkreten Gründe der Kündigung der Entwicklungshelferin unter der Decke zu halten. Landesdirektor Achim Mortier verweigerte ihr die notwendige Zustimmung, Auskünfte an Journalisten zu geben. Er selbst mauert bei Nachfragen ebenso wie die Pressestelle der DED-Zentrale in Bonn. Und auch der deutsche Botschafter in Windhoek will sich nicht zu dem Vorgang äußern. So verdichtet sich der Eindruck, es solle ein Mantel des Schweigens über unliebsame Vorkommnisse gebreitet werden. Offenbar fürchtet man, sie könnten unangenehme Fragen in Deutschland auslösen.

Die Vorgänge im Projekt in Okakarara unter Verschluss zu halten, ist allerdings kaum mehr möglich. Die Entwicklungshelferin in Okakarara, die ehemalige Afrika-Korrespondentin des “Spiegel“, Almut Hielscher, hat aufgrund ihrer früheren beruflichen Tätigkeit viele Kontakte und Bekannte in Namibia. Während ihrer 18-monatigen Tätigkeit in Okakarara hat sie dort auch eine Reihe deutscher Journalisten durch das Zentrum geführt. Nachdem eine namibische Tageszeitung eine Meldung mit der Überschrift „Korruption als Kündigungsgrund?“ verbreitete, häuften sich Nachfragen.

Mit scharfer Kritik am DED und der deutschen Botschaft haben sich inzwischen mehrere namibische Nichtregierungsorganisationen und Politiker zu Wort gemeldet.

Der Konflikt im Kulturzentrum nahm seinen Anfang im August dieses Jahres. Der einheimische Projektmanager benutzte während eines zweiwöchigen deutsch-namibischen Jugendlagers im Kulturzentrum – während dessen gesamter Dauer er Urlaub genommen hatte – mehrere Tage lang privat das dringend benötigte Projektfahrzeug. So musste zeitweise Ersatz angemietet werden. Er ließ auch eines der Zelte, in dem die Jugendlichen untergebracht waren, wegschaffen, weil er es ebenfalls für private Zwecke benötigte. Als die Entwicklungshelferin dagegen Einspruch erhob, passte er einen Zeitpunkt ab, an dem die Jugendlichen mit ihr auf einer Exkursion waren, um ein Zelt leer zu räumen und mitzunehmen. Später beschuldigte er die Entwicklungshelferin „rassistischen“ Verhaltens. Dieser Vorwurf ist, wenn von Weißen Kritik geäußert wird, keine Seltenheit.

In Namibia kommt es inzwischen fast täglich zu Missbrauch von Staats- oder Projekteigentum. Das Ungewöhnliche am Konflikt in Okakarara ist, dass im fünfköpfigen Aufsichtsgremium des Projekts, in das aus deutschen Steuermitteln inzwischen etwa 4,4 Millionen Namibia-Dollar (ca. 520.000 Euro) geflossen sind, zwei Deutsche sitzen: DED-Landesdirektor Mortier und Botschaftsrätin Ute König. Sie hätten leicht dafür sorgen können, dass eine Person, die Projekteigentum nicht von Privateigentum unterscheiden konnte, disziplinarisch zur Ordnung gerufen wird.

Stattdessen nahmen sie die Beschwerden der Entwicklungshelferin kommentarlos entgegen und bemühten sich nicht, ihre leicht vermeidbare Kündigung zu verhindern. Am Ende hielten sie es sogar für richtig, dem Beschuldigten mehrere Monate lang die alleinige Verantwortung für das Projekt zu übertragen.

„Tatbestand der Korruption“
Norman Tjombe, Vorsitzender des Dachverbandes der namibischen Nichtregierungsorganisationen (Nangof) und Direktor eines unabhängigen Rechtshilfezentrums, sieht mit den Handlungen des Projektmanagers den Tatbestand der Korruption erfüllt. „Fremdes Eigentum zum eigenen Nutzen zu gebrauchen und insbesondere Eigentum, das der Öffentlichkeit dienen soll, ist Korruption“, erklärt er. Er wundert sich auch, dass der DED-Landesdirektor die Entwicklungshelferin nicht gegen die in Namibia strafbare Rassismus-Beleidigung in Schutz nahm.

Der Direktor der Nationalen Menschenrechtsgesellschaft (NSHR), Phil ya Nangoloh, lobt die Entwicklungshelferin für ihre Weigerung, unter den gegebenen Umständen weiter mitzumachen. „Unter solchen Bedingungen zu kündigen, ist der einzige Weg, seine Missbilligung und Null-Toleranz gegenüber Korruption zu zeigen.“ Staatspräsident Pohamba hatte das Versprechen „Null-Toleranz gegenüber Korruption“ in seiner Antrittsrede abgegeben, als er im März das höchste Staatsamt übernahm.

Der DED und die deutsche Botschaft in Windhoek sahen die Dinge offensichtlich anders. In der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsgremiums verzichteten ihre Vertreter im Steering Committee darauf, dem Projektmanager auch nur eine Abmahnung für sein Fehlverhalten zu erteilen, sagt Ingeborg Weber, eine Freundin der Entwicklungshelferin. „Dass weder der DED noch die Botschaft klare Worte zum Missbrauch von Projekteigentum fanden und sich nicht für eine Abmahnung aussprachen, hat Almut Hielscher besonders enttäuscht.“ Damit sei für sie weiterer Missbrauch nicht auszuschließen gewesen. „Und zu dulden, dass ausgerechnet eine Entwicklungshelferin, die freiwillig eine Aufgabe in einem so schwierigen Ort wie Okakarara übernahm, des Rassismus beschuldigt wird, ist wirklich ein starkes Stück.“

Eine Mitarbeiterin der Frauenorganisation Womens Action for Development überrascht der Rassismus-Vorwurf dagegen nicht im geringsten. Das sei besonders für Männer immer wieder ein Mittel, um Kritik abzuwehren, meint die Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte, aufgrund von Erfahrungen, die sie über längere Zeit in Okakarara gesammelt hat. Und Selbstbereicherung von Personen in Führungspositionen sei ebenfalls absolut nichts Ungewöhnliches.

Für umso wichtiger hält es Samson Ndeikwila, der in Windhoek das Forum for the Future, eine namibische Nichtregierungsorganisation, leitet, dass der Missbrauch von Führungspositionen, um sich persönliche Vorteilen zu verschaffen, in jedem Einzelfall verurteilt wird, nach Möglichkeit öffentlich. „Auf welcher Ebene das auch immer, geschieht, wir dürfen es auf keinen Fall hinnehmen“, fordert er.

Auch Parlamentsabgeordnete kritisieren das Steering Committee inzwischen heftig. Arnold Tjihuiko, Fraktionsvorsitzender der (überwiegend von Herero gewählten Partei) Nudo, ist verärgert, dass die Komiteemitglieder „Korruption sahen und nichts unternahmen, bis jemand aus dem Zentrum ausschied“. Dies sei besonders bedauerlich, da es in Namibia kein zweites Kulturzentrum dieser Art gebe. Das Zentrum habe nicht nur ein besseres Verständnis zwischen Herero und Deutschen geschaffen, sondern trage auch zu einem besseren Verständnis unter den Namibiern bei. Ben Ulenga, der Führer der größten namibischen Oppositionspartei Congress of Democrats (CoD), wundert sich besonders, dass die beiden deutschen Mitglieder des Steering Committees nicht anders handelten (siehe nebenstehendes Interview).

Aus Norwegen meldete sich der dort lebende ehemalige Programmdirektor des Namibischen Rundfunks und jetzt freie Publizist Uazuvara Ewald Katjivena zu Wort. Katjivena, der einst in Okakarara die Primarschule besuchte, Jahre später an der Berliner Filmhochschule studierte und das neue Kulturzentrum in den vergangenen eineinhalb Jahren zweimal besuchte, findet den Konflikt im Okakarara-Kulturzentrum überraschend: „Das Steering Committee scheint gegenüber dem, was viele als interne Korruption ansehen, blind gewesen zu sein. Wenn es zutrifft, dass dem Steering Committee Belege für den Missbrauch von Projekteigentum vorgelegt wurden, beginnt man, sich zu wundern.“ Das anscheinende Desinteresse des Steering Committees an den Fakten lasse Verdacht aufkommen. „Ist solche Gleichgültigkeit normal, wenn es um den Einsatz von Steuergeldern geht?

Katjivena wirft die Frage auf, ob Entwicklungshilfe zu Korruption ermuntere und ob diese Hilfe die Eliten der „Dritten“ Welt veranlasse, „als Hüter der Interessen der reichen Länder auf Kosten der Bevölkerung der "Dritten’ Welt zu agieren.“ Für ihn bleibt die Frage offen, ob Entwicklungshilfe eher als Quelle von Korruption denn als Mittel des Fortschritts für Namibia und andere afrikanische Länder anzusehen sei. „Man muss annehmen, dass der modus operandi des "Entwicklungs’-Hilfe-Systems darauf abzielt, arme Länder arm zu halten“, meint Katjivena.

“Schlag ins Gesicht"
Oppositionsführer Ulenga zur Krise im DED-Projekt bei Okakarara

Das Aufsichtsgremium des Okakarara-Kulturzentrums einschließlich seiner beiden deutschen Mitglieder hat dem einheimischen Projektmanager dafür, dass er Projekteigentum zweckentfremdete und privat nutzte, während es für einen internationalen Workshop gebraucht wurde, noch nicht einmal einen Tadel ausgesprochen. Werten Sie die Duldung korrupter Praktiken als Unterlaufen der Bemühungen Präsident Pohambas um „Null-Toleranz gegenüber Korruption“?

Die Personen, die für das Okakarara-Kulturzentrum Verantwortung tragen, haben vollkommen versagt, die schweren und alarmierenden Vorkommnisse, die den Missbrauch öffentlichen Eigentums beinhalten, zu untersuchen und zu bewerten. Das festzustellen ist schockierend in einer Zeit, in der überall im Land korrupte Praktiken kritische Aufmerksamkeit erfahren. Die Tatsache, dass zwei Mitglieder des Aufsichtsgremiums Deutsche in offizieller Funktion sind, ist noch erstaunlicher, aber sie scheint auf eine zynische Haltung hinzuweisen. Nehmen sie vielleicht an, es könne nichts getan werden, und Maßnahmen, um Disziplin zu stärken, seien Zeitverschwendung? Die gegenwärtig höhere Aufmerksamkeit gegenüber Korruption seit Pohambas Kampagne ist gut für das Land. Wenn alle danach handelten, könnte das zu einer geringeren Duldung von Korruption in der namibischen Gesellschaft führen.

Was hätten Sie denn als angemessene Reaktion des Aufsichtsgremiums angesehen?

Es hätte von der Person, die beschuldigt wird, Eigentum des Kulturzentrums privat genutzt zu haben, sofort Rechenschaft verlangen müssen. Es hätte eine Person von außen herangeholt werden können, um eine Untersuchung durchzuführen, und danach hätte es ein Verfahren geben können, wie es im namibischen Arbeitsgesetz vorgesehen ist. Aber die beschuldigte Person ungeschoren davonkommen zu lassen, ist ein Schlag ins Gesicht jener Mitarbeiter des Zentrums, die ordentlich arbeiten.

Könnte die Nichtverurteilung des Missbrauchs von Projekteigentum die Zusammenarbeit mit ausländischen Organisationen belasten?

Wenn die Sache nicht untersucht wird und ungelöst bleibt, wird das eine Desillusionierung vieler, die sonst gern mit Namibiern zusammenarbeiten würden, um Armut in unserem Land zurückzudrängen, zur Folge haben.

Die Entwicklungshelferin des DED wurde als „Rassistin“ verunglimpft. Sie kennen die Entwicklungshelferin persönlich seit langem, was sagen Sie dazu?

Die Anschuldigung ist lächerlich. Almut Hielscher ist eine progressive Journalistin, die viele Jahre über das Südliche Afrika berichtet hat. Sie hat beruflich schon über soziales Unrecht gegenüber benachteiligten Gruppen berichtet, als Rassismus in Namibia und Südafrika ihren Zenith erlebten.

Die Fragen stellte Bettina Maritz


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